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§ 43. Haltung und Philosophie

des Seienden ist ein Sichauseinandersetzen mit ihm. Ein bloßes Begaffen vermag nie zu entdecken.

Die Eigentümlichkeit der Weltanschauung als Haltung und das Merkwürdige, daß in ihr das Dasein einen Vorrang erhält, sollte sich für uns gerade darin zeigen, daß sie drei Formen der Entartung ausbildet. Die Grundform der Entartung liegt in der Haltung selbst, sofern das Dasein in ihr ausdrücklich wird. Wenn wir das Positive dessen, was in den Formen der Entartung herauskommt, zu fassen suchen, so ist es dasjenige Moment, das wesensmäßig zur Haltung gehört, und das wir bezeichnen als die Sammlung des Daseins. Wir wissen, daß zum Dasein notwendig gehört die dreifache Streuung in die Bezüge zum Seienden, den Objekten, zum Mitdasein anderer und zu sich selbst, und daß das Dasein die Tendenz hat, in einen dieser Bezüge sich zu verlieren, in ihm aufzugehen, ihn zu verabsolutieren. Das Wesentliche der Weltanschauung als Haltung besteht nicht nur darin, das Ganze des Daseins nach diesen drei Richtungen zu gewinnen, sondern sie in einer Sammlung zu halten. Haltung ist daher in sich Sammlung der Streuung in die Ursprünglichkeit des Da-seins im Menschen. Sammlung ist der ursprüngliche Charakter, der in den genannten Formen der Entartung aus der Art schlägt.

Es geht um Sammlung statt Subjektivismus und Individualismus; allein die Form der Entartung ist nicht beiläufig, sondern zum Wesen des Daseins selbst gehörig, hier in Haltung wie dort im mythischen Dasein. Auf die verschiedenen anderen Modifikationen der Entartung gehe ich nicht ein, besonders nicht auf den Individualismus in allen seinen Schattierungen und nicht auf das, was man als Aufklärung, besser Aufklärerei bezeichnet, so daß man den eigenen Verstand zum Richtmaß und Herrn über alles macht. Kant: »Habe Muth, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen«.1


1 Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklarung? Immanuel Kants gesammelte Schriften. Hrsg. von der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften. Band VIII, Berlin 1920. S. 35.


Martin Heidegger (GA 27) Einleitung in die Philosophie

GA 27