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Das Problem der Weltanschauung

noch Ausbildung einer Weltanschauung noch Verkündigung einer Ethik ist, was leistet sie dann, was tut sie? Philosophie philosophiert. Das sagt nur: Sie kann und muß aus sich selbst begriffen werden; nur im Philosophieren wird Philosophie verstanden.

Philosophie ist eigenen Wesens, was nicht ausschließt zu sagen, sie ist Weltanschauung qua Haltung. (Vgl. unten S. 386) Denn diese Aussage gibt keine Definition in dem Sinn, als sei »Weltanschauung« die allgemeine oberste Gattungsbestimmung für die Philosophie, als wollten wir jetzt die allgemeine Gattungsbestimmung »Wissenschaft« ersetzen durch »Weltanschauung«, so wie in der gewöhnlichen Meinung Wissenschaft die Gattungsidee darstellt. Wir sagen nicht: Philosphie ist eine Form von Weltanschauung unter anderen. Dieses »ist« hat hier seine eigene Bedeutung.

In welchem Sinn und in welcher Weise ist denn eine Philosophie Weltanschauung, und zwar als Haltung? Die Antwort kann nicht allzu schwer sein, möchte man erwidern, vor allem sind wir doch nicht so ratlos ausgesichts der Frage, was Philosophie leistet; denn wir haben ihr doch auf dem ersten Weg zugewiesen die Seinsfrage, das Seinsproblem, die Herausarbeitung der Seinsmöglichkeiten und der Seinsverfassung der verschiedenen Bezirke des Seienden. Das ist doch Aufgabe genug. So wäre jetzt nur die Frage: Wie verhält sich die Philosophie als Frage nach dem Sein dazu, daß sie Weltanschauung ist? Läßt sich am Ende nicht die Art und Weise, wie Philosophie Weltanschauung ist, daraus entnehmen, daß sie und wie sie das Seinsproblem stellt?

Allein, so dürfen wir nicht vorgehen, d. h. wir dürfen nicht aus dem Ergebnis des ersten Weges das Resultat des zweiten ableiten, sondern der zweite Weg soll für sich zum Philosophieren bringen, und das heißt freilich, mit dem ersten zusammenlaufen. Wir können und müssen uns zwar am ersten orientieren (vgl. Transzendenz und Seinsproblem), aber nicht im Sinne einer Ableitung der »Ergebnisse«. Wir dürfen also nicht fragen: Wie läßt sich aus


Martin Heidegger (GA 27) Einleitung in die Philosophie

GA 27