EINLEITUNG


Die gegenwärtige Problemlage


§ 1. Die Aufgabenbestimmung der Vorlesung


Mit dem Thema ist die Aufgabe klar gestellt: ein historischer Bericht über den deutschen Idealismus und dann, daran anschließend, eine Abschilderung dessen, was heute in der Philosophie betrieben wird.

Freilich, Sie werden schon entgegnet haben: So äußerlich kann die Aufgabe nicht gefaßt sein. Es kommt natürlich auf den Vergleich an. Eine vergleichende Betrachtung: Unterschiede, Übereinstimmungen, nicht nur in den philosophischen Lehrmeinungen, sondern der geistesgeschichtlichen Situation natürlich und die seelische Haltung und Einstellung.

Ja vollends: diese vergleichende Betrachtung ist keine bloße Registratur und Feststellung, als wenn das zwei verschiedene Objekte wären. Das eine Vergleichsobjekt sind wir selbst, wir, die Heutigen. Was der Vergleich ergibt, hat seine Folgen für uns. Es muß sich am anderen Vergleichsobjekt abschätzen lassen, wie es mit uns selbst steht, wie weit wir es gebracht haben.

Aber bleibt das nicht eine vielleicht reizvolle, jedoch allzu aesthetische Aufgabe, bei der wir uns selbst in unserer geistesgeschichtlichen Situation allzu wichtig nehmen? Endet das alles nicht bei einer Psychologie unserer Gegenwart und vielleicht ihres Unvermögens und ihrer Ratlosigkeit? Schwindet diese dadurch, daß wir vergleichsweise ihre Psychologie entwerfen? Oder wird sie nur um so unheimlicher? Das könnte am Ende nicht schaden, wenn es nicht dabei bliebe. Oder was anders soll diese vergleichende Betrachtung hergeben?

Das erst möchte eine wirkliche und lebendige Aufgabe sein;


Martin Heidegger (GA 28) Der Deutsche Idealismus