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§ 4. Das Problem der ursprünglichen Einheit

nach den Ordnungen, die sie selbst vorzeichnen. Nur die eine: Die Vorordnung der Frage nach dem ὂν ᾗ ὄν vor der Frage nach dem θεῖον ist die Vorordnung mit Bezug auf die Möglichkeit der Durchführung und Ausarbeitung der zweiten. Denn Seiendes im Ganzen und nach seinem Grundzusammenhang wird begriffen, nur wenn schon begriffen, was zu Seiendem als solchem gehört.

Die erste Frage in der ersten Philosophie: τί τὸ ὂν ᾗ ὄν? Aber genügt es, daß die Frage ausgesprochen ist? Die Frage aussprechen heißt noch nicht: sie eigentlich stellen. Ausarbeitung — nach den inneren Erfordernissen verstanden. Was das Seiende ist — am Seienden: 1. was es ist (τί ἐστιν) — Was-Sein, essentia, Möglichkeit; 2. daß es ist bzw. nicht ist (ὅτι ἔστιν) — Daß-Sein, existentia, Wirklichkeit.7

Was-Sein, Daß-Sein: woher und wie ist diese Doppelung; nur so, wie es Hunde und auch Katzen gibt? Weiter die Frage überhaupt nicht. Jedermann tut so, als wäre das selbstverständlich. Aber hat das einen Grund? Und welchen? Beidemal ›Sein‹. Was heißt da ›Sein‹? Und warum und wie ist es so gespalten? (Grund der Spaltung: Endlichkeit.)

Was heißt da Sein überhaupt? Der allgemeinste Begriff? Der leerste? Nicht zu definieren! Aber die Frage ist, ob hier überhaupt eine Definition gefordert werden darf. Müssen wir nicht erst fragen, wie überhaupt dergleichen wie Sein verständlich ist und verständlich sein können muß? Muß nicht auch hier erst diese ursprünglichste und weiteste Frage der Metaphysik als Frage erst gewonnen werden, imgleichen wie die nach dem Menschen? Wie läßt sich Sein überhaupt verstehen und gar begreifen? — d. h. worin liegt das innerste Wesen der Endlichkeit des Menschen?

Und wenn wir diese Frage gewinnen, was ist dann? Was heißt ›diese Frage gewinnen‹? Nur eine Sache der bestehenden Metaphysik oder umgekehrt? Muß denn diese Frage gestellt wer­den, muß denn dergleichen wie Sein verständlich sein? Woraus erwächst denn diese Frage? Warum wurde sie die erste und


7 ›das Wahr-Sein‹.


Martin Heidegger (GA 28) Der Deutsche Idealismus