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Interpretation des Höhlenmythos

uns denn eigentlich befreien sollen. Und doch ist dieses Wissen die Grundlage jeder echten Befreiung.

Die Befreiten sehen unter anderen Dingen auch das Licht (φῶς). Was bedeutet hier die Rede von Licht? Man erklärt sie meist gleichnishaft: das Licht ist die Sonne, durch die wir erst die Dinge sehen, die Wahrheit. Aber diese Erklärung geht am Wesentlichen vorbei. Die Rede ist gleichnishaft und doch auch eminent sachlich. Gemeint ist nicht der Lichtkörper, sondern die Helle, die Helligkeit. Mit dieser Helle hat es nun eine eigene Bewandtnis. Wir können sie nicht als Seiendes unter anderem Seienden unterbringen: sie ist über alle Dinge ausgebreitet, wir sehen sie überall und doch nie, wir stoßen immer darauf und stoßen uns doch nie daran. Die Helle ist da und doch nie erfaßt; wir merken sie erst, wenn sie fort ist, wenn es dunkel geworden ist. Sie hat an ihr selbst ein Geschehen, ist kein totes Ding.

Plato bezeichnet nun das Licht, die Helle, als ein τρίτον γένος, einen dritten Stamm. Welches ist das erste und zweite γένος? Ὁρᾶν und ὁρώμενον, Sehen als ὄψις (ὄμμα) und das gesehene Erkennen. Woher kommt die zentrale Funktion des Sehens, als Paradigma für alles Erkennen angesprochen werden zu können? Weil das Sehen, um zu sehen, außer dem Gegenstand (dem ὁρώμενον) noch eines Dritten bedarf — eben der Helle. Bei den anderen Sinnen ist ein solches Drittes (nach Plato) nicht da. Und dieses Dritte ist kein Mangel, sondern eine Auszeichnung: im Sehen kommt der Mensch dem Seienden am nächsten.

Die Helle bezeichnet nun Plato als das Joch, das Sehen und Gesehenes umspannt: Sehen ist eine Unterjochung unter die Helligkeit. Das Joch der Helle ermöglicht erst das Vermögen zu sehen und die Möglichkeit, gesehen zu werden.

Die Helle ist nun selbst als γένος noch ἔκγονος, abkünftig. Die Abkunft der Helle ist zunächst bildlich die Sonne. Das Auge ist ἡλιοειδέστατον, sonnenhaft. Was bedeutet das? Das Auge darf nicht als vorhandenes Organ genommen werden. Wir sehen nicht, weil wir Augen haben, sondern wir haben Augen, weil wir sehen. Weil wir sehen können, haben wir Augen. Die dingliche.


Martin Heidegger (GA 28) Der Deutsche Idealismus