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§ 2. Bestimmung der Philosophie

b) Das Heimweh als die Grundstimmung des Philosophierens und die Fragen nach Welt, Endlichkeit, Vereinzelung


Philosophie — eine letzte Aussprache und Zwiesprache des Menschen, die ihn ganz und ständig durchgreift. Aber was ist der Mensch, daß er im Grunde seines Wesens philosophiert, und was ist dieses Philosophieren? Was sind wir dabei? Wohin wollen wir? Sind wir zufällig einmal in das Weltall hinein-gestolpert? Novalis sagt einmal in einem Fragment: »Die Philosophie ist eigentlich Heimweh, ein Trieb überall zu Hause zu sein«1. Eine merkwürdige Definition, romantisch natürlich. Heimweh — gibt es dergleichen heute überhaupt noch? Ist das nicht ein unverständliches Wort geworden, selbst im alltäglichen Leben? Denn hat nicht der heutige städtische Mensch und Affe der Zivilisation das Heimweh längst abgeschafft? Und Heimweh gar als die Bestimmung der Philosophie! Vor allem aber, welchen Zeugen führen wir da über die Philosophie an? Novalis — doch nur ein Dichter und gar kein wissenschaftlicher Philosoph. Sagt aber nicht Aristoteles in seiner »Metaphysik«: πολλὰ ψεύδονται ἀοιδοί2: Vieles lügen die Dichter zusammen?

Doch ohne den Streit um das Recht und Gewicht dieses Zeugen zu entfachen, erinnern wir nur daran, daß die Kunst — dazu gehört auch die Dichtung — die Schwester der Philosophie und daß alle Wissenschaft in bezug auf die Philosophie vielleicht nur ein Dienstmann ist.

Wir bleiben dabei und fragen: Was ist damit — Philosophie ein Heimweh? Novalis erläutert selbst: »ein Trieb überall zu Hause zu sein«. Ein solcher Trieb kann Philosophie nur sein, wenn wir, die philosophieren, überall nicht zu Hause sind. Wonach steht das Verlangen dieses Triebes? überall zu Hause zu sein — was heißt das? Nicht nur da und dort, auch nicht


1 Novalis, Schriften. Hg. J. Minor. Jena 1923. Bd.2, S. 179, Fragment 21.

2 Aristotelis Metaphysica. Hg. W. Christ. Leipzig 1886. A 2, 983 a 3 f.

GA 29/30