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§ 19. Fraglichkeit der Langeweile

Wir stehen bereits vor einer weit wesentlicheren Schwierigkeit. Die Langeweile nicht einschlafen zu lassen -das ist eine merkwürdige oder fast irrsinnige Zumutung. Ist sie nicht ganz und gar dem entgegen, was alles natürliche und gesunde menschliche Verhalten täglich und stündlich betreibt: daß es sich gerade die Zeit vertreibt und die Langeweile gerade nich aufkommen läßt, das heißt, wenn sie kommt, sie verscheucht, sie zum Einschlafen bringt? Wir sollen sie wachsein lassen! Die Langeweile -wer kennt sie nicht, wie sie in den verschiedensten Gestalten und Verschleierungen auftaucht, uns oft nur für Augenblicke befällt, oft auch längere Zeit quält und bedrückt. Wer weiß nicht, daß wir, sobald sie kommt, uns auch schon daran gemacht haben, sie wegzudrücken, und bemüht sind, sie zu vertreiben; daß es nicht immer gelingt, ja, daß sie oft gerade dann, wenn wir ihr mit allen möglichen Mitteln zu Leibe gehen, hartnäckig wird, aufsässig, daß sie erst recht bleibt und erst recht und häufiger wiederkehrt und uns dann langsam an die Grenze der Schwermut drängt? Selbst wenn es gelingt, sie zu verscheuchen -wissen wir dann nicht auch zugleich und gerade dann, daß sie doch wiederkommen kann, sehen wir der glücklich Vertriebenen und Entschwundenen nicht nach mit dem merkwürdigen Wissen. sie könne jederzeit wieder da sein? Gehört das zu ihr, wenn sie sich uns so zeigt?

Wohin aber entschwindet sie, und von wo kommt sie wieder, dieses schleichende Wesen, das in unserem Dasein sein Unwesen treibt? Wer kennt sie nicht -und doch, wer vermöchte so frei weg zu sagen, was dieses Allbekannte eigentlich sei? Was ist sie, daß wir ihr gegenüber an uns die Zumutung stellen, sie, gerade sie wachsein zu lassen? Oder ist diese Langeweile, die wir da so kennen und von der wir jetzt so unbestimmt sprechen, nur ein Schatten der wirklichen? Wir fragten ja und fragen immer wieder: Ist es am Ende so weit mit uns, daß eine tiefe Langeweile in den Abgründen des Daseins wie ein schweigender Nebel hin-und herzieht?


Martin Heidegger (GA 29/30) Die Grundbegriffe der Metaphysik