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§ 24. Sichlangweilen bei etwas

zweite Form der Langeweile zu vergegenwärtigen, so ist das nicht so leicht und eindeutig, und zwar deshalb, weil die Grenze dieser zweiten Form gegenüber der ersten im Grunde gar nicht scharf gezogen werden kann, weil die Grenzen ineinanderlaufen. Das ist nicht zufällig, sondern hängt mit dem inneren Wesen der Langeweile überhaupt zusammen. Um aber überhaupt einen Unterschied zu sehen, müssen wir einen betonten und extremen, relativ extremen, Gegenfall zur ersten Form der Langeweile uns vergegenwärtigen. Wir versuchen einen solchen Fall zu treffen, und zwar wieder, wie beim ersten, einen recht alltäglichen und jedem zugänglichen und fast unauffälligen.

Wir sind irgendwo abends eingeladen. Wir brauchen nicht hinzugehen. Aber wir waren den ganzen Tag angespannt, und für den Abend haben wir Zeit. Also gehen wir hin. Es gibt da das übliche Essen mit der üblichen Tischunterhaltung, alles ist nicht nur recht schmackhaft, sondern auch geschmackvoll. Man sitzt nachher, wie man sagt, angeregt beisammen, hört vielleicht Musik, man plaudert, es ist witzig und amüsant. Schon ist es Zeit wegzugehen. Die Damen versichern, und zwar nicht nur beim Abschiednehmen, sondern auch unten und draußen, wo man schon wieder unter sich ist: Es war wirklich sehr nett, oder: Es war furchtbar reizend. In der Tat. Es findet sich schlechthin nichts, was an diesem Abend langweilig gewesen wäre, weder die Unterhaltung noch die Menschen, noch die Räume. Man kommt also ganz befriedigt nach Hause. Sieht noch mit einem kurzen Blick seine abgebrochene Arbeit am Abend, macht einen Überschlag und Vorblick für den Morgen — und da kommt es: Ich habe mich eigentlich doch gelangweilt, an dem Abend, bei dieser Einladung.

Aber wieso denn? Wir können beim besten Willen nichts finden, was uns da gelangweilt hätte. Und doch habe ich mich gelangweilt. Wobei denn? Ich mich, habe ich mich etwa selbst gelangweilt? Bin ich mir selbst das Langweilige gewesen? Aber wir erinnern uns ganz deutlich, es gab nicht nur nichts


Martin Heidegger (GA 29/30) Die Grundbegriffe der Metaphysik