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Dritte Form der Langeweile

Wartens muß eine Grundstimmung unseres Daseins näherkommen. Wir können deshalb einer solchen Grundstimmung unseres Daseins immer nur in einer Frage, einer fragenden Haltung begegnen. Deshalb fragten wir, ob etwa der Mensch heute sich selbst langweilig geworden sei, und ob eine tiefe Langeweile eine Grundstimmung des heutigen Daseins sei. Um uns in dieser Frage durchsichtig halten und in ihr auf die Grundstimmung warten zu können, die nicht erst erzeugt zu sein braucht, müssen wir für dieses Offensein den entsprechenden Horizont haben, d. h. das Wesen der Langeweile muß uns in einer Klarheit stehen.

Zu diesem Zwecke versuchten wir, das Wesen der Langeweile durch eine Auslegung von zwei Formen derselben uns näherzubringen, die in sich wiederum das Verhältnis des Tieferwerdens und Tieferseins haben. Wir haben mit Rücksicht darauf zuletzt die Unterschiede dieser beiden Formen der Langeweile festgehalten und in sieben Punkten uns faßlich gemacht. In einem ersten und zweiten Punkt kennzeichneten wir die Strukturmomente der Langeweile: die Leergelassenheit und Hingehaltenheit. In einem dritten bestimmten wir die jeweilige Situationsbezogenheit der Langeweile. In einem vierten und fünften charakterisierten wir das Verhältnis und die Art des der Langeweile jeweilig zugehörigen Zeitvertreibes. Im sechsten Punkt suchten wir den Unterschied der Schwingungsweite in beiden Formen der Langeweile zu fixieren. Zuletzt fixierten wir die Herkunft und jeweilige Nähe der Langeweile zum Grunde des Daseins. In dieser letzten entscheidenden, alles zusammenfassenden Hinsicht ergab sich: Die erste Form des Gelangweiltwerdens von etwas trifft gleichsam von außen auf uns ein, die zweite deutet darauf hin, daß die Langeweile aus dem Dasein selbst aufsteigt.

Mit der Herausstellung des Unterschiedes der Tiefe haben wir auch schon die Richtung des Tieferwerdens kenntlich gemacht, aber auch nur das. Die Tiefe des Wesens selbst haben wir eigens noch nicht erreicht.


Martin Heidegger (GA 29/30) Die Grundbegriffe der Metaphysik