FONFTES KAPITEL

Die Frage nach einer bestimmten tiefen Langeweile als der Grundstimmung unseres heutigen Daseins

§ 37. Wiederaufnahme der Frage nach einer tiefen Langeweile als der Grundstimmung unseres Daseins

Wir sind durch diese Interpretation in ein eigenartiges Wissen hineingekommen. Den wesentlichen Gehalt dieses Wissens können wir nicht und nie in einer Formel wiedergeben, weil er nicht in angesammelten Kenntnissen besteht, gleich dem, was uns in den gleichen zwei Monaten vielleicht eine Vorlesung über Zoologie oder neuere Geschichte vermittelt hat. Bei solchem Hören in den Wissenschaften bringt jede Stunde um ein Stück. weiter, jeder Tag gibt ein Bündel und ein paar Blätter mehr. Wir haben jeden Tag weniger, und jede Stunde kommen wir weniger vorwärts, haben vielmehr immer mehr auf der Stelle getreten. Nicht nur das - sondern wir haben vielleicht den Boden, auf den wir uns anfangs stellten, durchgetreten, sind ins Bodenlose geraten und ins Schweben gekommen, in eine Stimmung. Nur eine Stimmung - und soviel Aufwand. Ja, vielleicht nicht einmal eine Stimmung, sondern nur die durchsichtigere Möglichkeit einer solchen, d. h. eine Empfänglichkeit für sie, und zwar eine gewachsene, die im Dasein Wurzeln geschlagen hat, so daß dieses die Möglichkeit aufbringt für die Ermöglichung dieser Stimmung, das Gestimmtsein. In der Tat, wenn wir dieses und gerade dieses gewonnen haben, die durchsichtigere Empfänglichkeit für diese Stimmung - in irgendeiner Form -, dann ist es schon genug und etwas, was wir gar nie als Resultat verrechnen können und worüber ich niemanden unter Ihnen je examinieren könnte oder dürfte.

Nur die durchsichtigere Empfänglichkeit für diese Stimmung,


Martin Heidegger (GA 29/30) Die Grundbegriffe der Metaphysik