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§ 37. Wiederaufnahme der Frage

haben wir sie nicht gestellt an den öffentlich herumlaufenden und mit eigenen Mitteln sich zu Ehren bringenden Menschen, den Kulturdiener und Affen seiner Erfindungen, wir haben nicht gefragt, wo dieser Mensch im Gang einer Weltgeschichte steht, wie weit er es bis jetzt gebracht und was in dieser Hinsicht werden soll. Nicht wo der Mensch steht, haben wir gefragt, sondern wie es um den Menschen, um das Da-sein in ihm steht. Wir haben diese Frage bestimmter gestellt durch die Frage: Ist der Mensch am Ende sich selbst langweilig geworden?

Diese Frage haben wir jetzt wieder aufzunehmen als die Frage, in der sich ein ansichhaltendes Warten des Daseins ausspricht, d. h. für dieses Ansichhalten den Halt gibt. Denn dieses ist es, was der gemeine Verstand und die sogenannte Praxis des Lebens und aller Programmatismus nie versteht und verstehen kann, daß eine Frage Halt zu geben vermag. Das gelingt vernünftigerweise doch nur der Antwort. Die Antwort ist ein fester Satz, ein Dogma, eine überzeugung.

Diese Frage: Ist der Mensch heute am Ende sich selbst langweilig geworden, sollen wir jetzt wieder aufnehmen als die Frage, in der wir uns für eine Grundstimmung unseres Daseins bereitmachen. Jetzt wieder - nachdem wir das Wesen der Langeweile zu klären versuchten und demgemäß imstande sind, die Frage durchsichtiger zu wiederholen. Durchsichtiger - denn jetzt sehen wir deutlicher: 1. was überhaupt einmal die Struktur und Strukturmomente der Langeweile, Leergelassenheit und Hingehaltenheit, und ihre ursprüngliche Einheit sind; 2. sehen wir, daß diese Einheit dem Ursprung aus der Zeitlichkeit entspringt, in der das Wesen der Langeweile schwingt; o. sehen wir verschiedene Grundformen der Langeweile.

Für die Wiederaufnahme der Frage: Ist der Mensch am Ende sich selbst langweilig geworden, sehen wir jetzt sofort, daß nicht gefragt sein kann, ob heutige Menschen von bestimmten Dingen gelangweilt werden und mehr gelangweilt werden als andere Epochen. Weder um das Gelangweiltwerden


Martin Heidegger (GA 29/30) Die Grundbegriffe der Metaphysik