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Die Frage nach einer bestimmten tiefen Langeweile

fragen, ob am Ende diese tiefe Langeweile unser Dasein durchstimmt, d. h. wir können fragen, ob unsere heutigen alltäglichen Menschlichkeiten, unser Menschsein nicht in allem so ist, daß es -in allem seinem Tun und Lassen und geblendet durch dieses -der Möglichkeit des Aufsteigens jener tiefen Langeweile entgegenhandelt. Wir können nur fragen, ob der heutige Mensch jene Weite seiner verborgenen tiefsten Not einengt auf die Nöte, für ,die er alsbald eine Notwehr findet, um in dieser sich zu befriedigen und zu beruhigen. Wir können nur fragen, ob der heutige Mensch jene Spitze des schärfsten Augenblicks immer schon abgebrochen und umgebogen hat und stumpf macht und stumpf erhält durch die Eiligkeit seines Reagierens, durch die Plötzlichkeit seiner Programme, welche Eiligkeit und Plötzlichkeit er mit der Entschlossenheit des Augenblicks zusammenwirft. Wir können jene tiefe Langeweile im Dasein des heutigen Menschen nicht feststellen, wir können nur fragen, ob der heutige Mensch nicht gerade in und durch alle seine heutigen Menschlichkeiten jene tiefe Langeweile niederhält, und das heißt, ob er nicht sein Dasein als solches sich verbirgt -trotz all der Psychologie und Psychoanalyse, ja gerade durch die Psychologie, die sich heute sogar als Tiefenpsychologie ausgibt. Wir können jene tiefe Langeweile nur in solchem Fragen verstehen, ihr Raum verschaffen. Nach dieser Grundstimmung fragen heißt aber, nicht die heutigen Menschlichkeiten des Menschen weiterhin rechtfertigen und betreiben, sondern die Menschheit im Menschen befreien, die Menschheit des Menschen, d. h. das Wesen des Menschen befreien, das Dasein in ihm wesentlich werden lassen. Diese Befreiung des Daseins im Menschen heißt nicht, ihn in eine Willkür stellen, sondern dem Menschen das Dasein als seine eigenste Bürde aufladen. Nur wer sich wahrhaft eine Bürde geben kann, ist frei. Fragen nach dieser Grundstimmung -das meint: fragen nach dem, was die Grundstimmung als solche zu fragen gibt. Nur in solchem Fragen vermögen wir uns dahin zu bringen, daß sich entscheidet, ob wir den Mut aufbringen zu -dem, was diese Grundstimmung


Martin Heidegger (GA 29/30) Die Grundbegriffe der Metaphysik