301
§ 49. Methodische Frage nach dem Sichversetzenkönnen

Und trotzdem ist die jetzige Frage, die dritte, ob wir uns in einen anderen Menschen versetzen können, nicht dieselbe wie bezüglich der Möglichkeit des Sichversetzens in das Tier. Dort setzen wir stillschweigend voraus, daß diese Möglichkeit des Sichversetzens und eines gewissen Mitgehens grundsätzlich besteht und d. h. – wie wir auch sagen – daß es einen Sinn hat. Hier aber beim Menschen können wir diese Voraussetzung – die grundsätzliche Möglichkeit eines Sichversetzens des einen Menschen in den anderen Menschen – gar nicht erst machen. Wir können diese Voraussetzung nicht deshalb nicht machen, weil etwa der andere Mensch so, wie der Stein, eine solche Möglichkeit des Sichversetzens in ihn seinem Wesen nach von sich weist, sondern weil hier diese Möglichkeit schon ursprünglich zum eigenen Wesen des Menschen gehört. Sofern ein Mensch existiert, ist er als existierender schon in andere Menschen versetzt, auch dann, wenn faktisch keine anderen Menschen in der Nähe sind. Da-sein des Menschen, Da-sein im Menschen heißt daher – nicht ausschließlich, aber unter anderem – Versetztsein in andere Menschen. Das Sichversetzenkönnen in andere Menschen als Mitgehen mit ihnen, mit dem Dasein in ihnen, geschieht schon immer aufgrund des Daseins des Menschen – als Dasein. Denn Da-sein heißt: Mitsein mit Anderen, und zwar in der Weise des Daseins, d. h. Mitexistieren. Die Frage: Können wir Menschen uns in einen anderen Menschen versetzen, ist deshalb fraglos, weil sie keine mögliche Frage ist. Sie ist sinnlos, ja sinnwidrig, weil sie grundsätzlich überflüssig ist. Denken wir in der Frage, ob wir uns in andere Menschen versetzen können, wirklich den Begriff, das Wesen des Menschen, dann sind wir schon daran gehindert, den Fragesatz zu Ende zu fragen. Das Mitsein mit ... gehört zum 'Wesen der Existenz des Menschen, d. h. eines jeden je Einzelnen.

Und doch: Wie oft und lange tragen wir schwer an dem Nichtmitgehenkönnen mit den Anderen. Und kommt nicht jedesmal ein neuer Schwung in unser Dasein, wenn in einer


Martin Heidegger (GA 29/30) Die Grundbegriffe der Metaphysik