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Aufklärung des Wesens der Weltarmut des Tieres

wesentlichen Beziehung zu anderen Menschen uns ein solches Mitgehen gelingt? Demnach ist das Mitgehenkönnen, das Sichversetzenkönnen, doch fraglich auch für den Menschen, obwohl er, ja gerade weil er dem Wesen seines Seins entsprechend immer schon in einem Mitsein mit Anderen steht. Denn in dieser Wesensverfassung des menschlichen Daseins, daß es von Hause aus Mitsein mit Anderen ist, liegt, daß der faktisch existierende Mensch sich notwendig faktisch schon immer in einer bestimmten Weise des Mitseins mit ... , d. h. in einem Mitgehen bewegt. Aus mancherlei und z. T. wesentlichen Gründen ist nun aber dieses Mitgehen miteinander ein Auseinander-und Gegeneinandergehen, oder aber, zunächst und zumeist, ein Nebenemanderhergehen. Gerade dieses unauffällige, selbstverständliche Nebeneinanderhergehen als bestimmte Weise des Miteinander und des Versetztseins ineinander, dieses Nebeneinanderhergehen erweckt den Schein, als müßte dieses Nebeneinander zunächst überbrückt werden, als bestünde überhaupt noch kein Versetztsein ineinander, als müßte der eine sich erst in den anderen einfühlen, um zu ihm zu kommen. Dieser Schein hat nun auch die Philosophie seit langem in einem Ausmaß genarrt, wie man es fast nicht für möglich halten kann. Dieser Schein wird vollends noch von der Philosophie dadurch verstärkt, daß sie das Dogma aufbrachte, der einzelne Mensch sei für sich selbst als einzelner und das einzelne Ich sei mit seiner Ichsphäre dasjenige, was ihm selbst zunächst und zuerst und am gewissesten gegeben sei. Damit wird die Meinung philosophisch sanktioniert, als müßte ein Miteinander allererst zunächst aus dieser solipsistischen Isolierung heraus geschaffen werden.

Sie sehen aus diesem Zusammenhang, wie entscheidend es ist, dieses Grundverhältnis des Menschen zum Menschen und damit die Wesenscharakteristik des menschlichen Daseins zureichend zu begreifen, um nun überhaupt mit Erfolg die weitere Frage zu stellen, wie der Mensch, zu dessen Wesen dieses Mitsein mit Anderen gehört, als Mensch in ein Tier


Martin Heidegger (GA 29/30) Die Grundbegriffe der Metaphysik