§ 61. Abschließende Umgrenzung des Organismus
und die Mittel der theoretisch-philosophischen Deutung als vielmehr die erstaunliche Sicherheit und Fülle seiner Beobachtungen und adäquaten Beschreibungen. Seine Untersuchungen sind heute sehr geschätzt, aber sie haben doch noch nicht die grundsätzliche Bedeutung gewonnen, daß von ihnen aus sich eine noch radikalere Interpretation des Organismus vorbereitete, wobei dessen Ganzheit nicht durch die Leibesganzheit des Tieres erschöpft ist, sondern die Leibesganzheit erst selbst auf dem Grunde der ursprünglichen Ganzheit verstanden wird, deren Grenze das ist, was wir den Enthemmungsring nannten. Es wäre albern, wollten wir nun etwa versuchen, den Uexküllschen Interpretationen eine philosophische Mangelhaftigkeit nach-und vorzurechnen, statt zu bedenken, daß die Auseinandersetzungen mit seinen konkreten Forschungen zum Fruchtbarsten gehört, was die Philosophie heute sich aus der herrschenden Biologie zueignen kann. Uexküll hat diese konkreten Betrachtungen dargestellt in »Umwelt und Innenwelt der Tiere«4.
Selbst dies, daß Uexküll von einer »Umwelt«, ja sogar von der »Innenwelt« der Tiere spricht, darf zunächst nicht davon abhalten, einfach dem nachzugehen, was er meint. Er meint faktisch nichts anderes als das, was wir als Enthemmungsring gekennzeichnet haben. Allerdings wird das Ganze philosophisch problematisch, wenn nun auch in gleicher Weise von der Welt des Menschen gesprochen wird. Zwar ist Uexküll gerade derjenige unter den Biologen, der immer wieder und in aller Schärfe betont, daß das, wozu das Tier in Beziehung ist, anders gegeben sei als für den Menschen. Allein, hier ist gerade die Stelle, wo das entscheidende Problem verborgen liegt und herausgeholt werden müßte. Denn es handelt sich nicht einfach nur um eine qualitative Andersheit der tierischen Welt gegenüber der Welt des Menschen und erst recht nicht um quantitative Unterschiede der Weite, Tiefe und Breite – nicht
4 J. v. Uexküll, Umwelt und Innenwelt der Tiere. a.a.O., S.207.