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Thematische Exposition des Weltproblems

Zeit eines Daseins. Die Seltenheit der Augenblicke und die ekstatische Weite ,dieser Seltenheit vermag der vulgäre Verstand nicht zu fassen, weil ihm die Kraft der Erinnerung fehlt. Er hat nur ein Gedächtnis davon, worin er früher Vorhandenes aufbewahrt als das jetzt nicht mehr Vorhandene. Was wir die Seltenheit des entschlossenen Handelns nennen, ist eine Auszeichnung des Augenblicks, durch ,die er gerade eine ganz spezifische Beziehung zu seiner Zeitlichkeit hat. Denn wo der Augenblick sich nicht zeitigt, ist nicht etwa nichts vorhanden, sondern immer schon die Zeitlichkeit der Alltäglichkeit. Es ist daher auch nicht so, als müßte der Mensch aus dem Vorlaufen in den Tod, weil er es nicht aushält, sich erst wieder zurückstehlen in die Uneigentlichkeit seines Handelns, sondern dieses Zurück in die Uneigentlichkeit ist das Verlöschen des Augenblicks, welches Verlöschen nicht aus irgendwelchen äußeren Ursachen schließlich eintritt, sondern in der Augenblicklichkeit des Augenblicks wesenhaft begründet ist. Aber auch die Alltäglichkeit des Daseins — sofern sie in der Uneigentlichkeit sich hält — ist zwar gegenüber dem Augenblick und seinem Aufflackern ein Zurücksinken, in sich aber keineswegs etwas Negatives, vor allem aber auch nie etwas nur Vorhandenes, ein Dauerzustand, der durch Augenblicke eigentlichen Handelns unterbrochen würde. Der ganze Zusammenhang zwischen eigentlicher und uneigentlicher Existenz, Augenblick und Augenblickslosigkeit, ist nicht ein Vorhandenes, was im Menschen passiert, sondern ein solcher des Daseins. Die ihn aufbrechenden Begriffe sind nur dann verstehbar, wenn sie nicht als Bedeutungen von Beschaffenheiten und Ausstattungen eines Vorhandenen genommen werden, sondern als Anzeigen dafür, daß das Verstehen erst den vulgären Auffassungen des Seienden sich entwinden und eigens sich in das Da-sein in ihm verwandeln muß. In jedem dieser Begriffe — Tod, Entschlossenheit, Geschichte, Existenz — liegt der Anspruch ,dieser Verwandlung, und zwar nicht als nachträgliche sogenannte ethische Anwendung des Begriffenen, sondern


Martin Heidegger (GA 29/30) Die Grundbegriffe der Metaphysik