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§ 8. Aufweis der verborgenen Grundbedeutung

Gebrauch des Wortes Sein eine hervorragende Rolle spielt. Das heißt: Sein im Unterschied von Nichtsein genommen gemäß jenem: Sein oder Nichtsein, das ist die Frage. Sein besagt Vorhandensein, existentia. Zum Beispiel die Erde ist, Gott ist, existiert oder ist wirklich. Sein in der Bedeutung von Wirklichkeit. Zwar sahen wir, daß diese Bedeutung von Sein unter denj enigen, die zur uranfänglichen Gliederung des Seinsbegriffes im alltäglichen Seinsverständnis gehören, nur eine von ihnen ist. Es wäre also schon eine grundsätzliche Verfehlung des Seinsproblems, wollte man es nur oder vorwiegend als Wirklichkeitsproblem stellen. Trotzdem können wir jetzt, gerade auch mit Bezug auf die Antike, die Frage nicht übergehen: Liegt auch im Begriff der ›Wirklichkeit‹ — Existenz im überlieferten Sinne bei Kant z. B. — die Grundbedeutimg von οΰσία: beständige Anwesenheit? Und wenn ja, in welcher Weise? Es zeigt sich hier sofort, daß wir mit einer bloßen Worterklärung von Wirklichkeit und Wirken keinen Schritt weiterkommen. Allerdings nicht, solange wir in der Ebene sprachlicher Erörterungen bleiben.

Fragen wir aber nach dem Problemgehalt des Wortes ›Wirklichkeit‹, dann müssen wir zurückfragen nach dem philosophischen Terminus, dem das Wort entspricht. Es ist die Übersetzung des lateinischen Wortes actualitas — ens in actu: das ist ein Seiendes, sofern es wirklich vorhanden ist, im Unterschied zum ens ratione, ens in potentia, zum Seienden, sofern es eine bloße Möglichkeit ist. Actualitas aber ist die lateinische Ubersetzung des griechischen Wortes ἐνέργεια. Unser Fremdwort ›Energie‹ im Sinne von Kraft hat damit nichts zu tun. ἐνέργεια bedeutet zumal als philosophischer Ausdruck für Existenz, Wirklichkeit, Vorhandensein bei Aristoteles alles andere als Kraft, ἐνέργεια so zu fassen, verrät ein entsprechend äußerliches und problemloses Verständnis des Begriffes wie die angeführte Argumentation des Dionysodoros bezüglich der παρουσία. ενεργείςι ov meint das in Wirklichkeit Seiende im Unterschied von δυνάμει ὄν, der Möglichkeit nach Seiendes, Mögliches, aber eben nicht Wirkliches.

Wie wird nun dieser Seinscharakter eines Seienden, die Wirklichkeit


Martin Heidegger (GA 31) Vom Wesen der menschlichen Freiheit