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Die Leitfrage der Philosophie und ihre Fraglichkeit

a) Die Abweisung der Zugehörigkeit von Θ 10 zu Θ und die traditionelle Auslegung des Wahrseins als Problem der Logik und Erkenntnistheorie (Schwegler, Jaeger, Ross). Die abwegige Auslegung des κυριώτατα als Folge dieser Auslegung Wenn man schon, wie Jaeger, sich der sachlichen Interpretation von Schwegler anschließt, ein Kapitel der Logik könne nicht zur Metaphysik gehören, dann ist es doch nur konsequent, nicht Aristoteles selbst die Anfügung des Kapitels zuzumuten, zumal wenn man bedenkt, wie aristoteli sehe Kapitel und Bücher durchkomponiert und gebaut sind. Jaegers Meinung ist umso merkwürdiger, als er in der Begründung der Zusammenhanglosigkeit des Kapitels mit dem Buch noch weiter geht als Schwegler. Jaeger sieht als das >äußere< Haupthindernis für eine Zugehörigkeit des Kapitels zum Buch dieses, daß nach der Stellung des Kapitels das ὂν άληθές nicht nur ins Thema hereinreichen soll, sondern daß überdies sogar dieses ov noch als κυριώτατα gelten soll, das Wahrseiende als das eigentlichste Seiende. Diese »Möglichkeit ist mir unwahrscheinlich, sie wird es jedem sein.« - »Sollte also jemand die Stellung von Θ 10 darauf stützen, daß hier erst das κυριώτατα ov erreicht werde, so mißversteht er den Wortlaut und denkt außerdem unaristotelisch.«10 Jaeger will sagen: Wer behauptet, Aristoteles fasse hier das Wahrsein als das eigentlichste Sein, der versteht nicht, was κυριώτατα heißt und hat eine Meinung über das Sein, die Aristoteles ganz fernliegt.

Ich behaupte dagegen, wer Θ 10 als zugehörig zu Θ auffaßt, ja sogar darin den eigentlichen Höhepunkt der Abhandlung und der aristotelischen Metaphysik überhaupt sieht, der denkt nicht nur nicht unaristotelisch, der denkt nicht nur echt aristotelisch, sondern einfach antik. Daß Aristoteles mit Θ 10 schließt, d. h. das Wahrsein als das eigentliche Sein auslegt, darin kommt die entscheidende Grundauffassung von Sein und Wahrheit in der antiken Metaphysik zum ersten und letzten radikalen Ausdruck.

10 a.a.O., S. 52.


Martin Heidegger (GA 31) Vom Wesen der menschlichen Freiheit