So zu denken, kann nur der für unaristotelisch halten, der die in der Tradition seit langem in Gebrauch befindlichen problemlosen Gemeinplätze für aristotelisch hält.
Damit ist schon angedeutet, daß die scheinbar äußerliche Frage der Zugehörigkeit des Kapitels zum Buch nur durch ein Eingehen auf das in Buch und Kapitel verhandelte Problem aufzulösen möglich ist, d. h. durch eine Behandlung der Frage: Welches ist die Grundbedeutung von Sein, so zwar, daß das Wahrsein im Zusammenhang des Wirklichseins behandelt werden kann und muß, ja daß sogar das Wahrseiende das eigentlichste Seiende ausmachen soll? Bevor wir diese Frage beantworten und so positiv die innere und notwendige Zugehörigkeit von Θ 10 zu Θ beweisen, sollen kurz die Bedenken gegen die Möglichkeit eines Zusammenhangs von Θ 10 mit Θ besprochen werden. Die Bedenken hinsichtlich der wesentlichen Verschiedenheit im Thema kommen in der positiven Interpretation von selbst zur Erledigung. Zuvor erörtern wir die Argumentation, die sich gegen das κυριώτατα richtet.
Wenn man von vornherein für feststehend hält, es handle sich in dem Kapitel um das ὂν άληθές, das als logisches Problem nicht ins Thema gehört, dann muß man auch für unmöglich halten, daß hier von ὂν άληθές als dem eigentlichsten Seienden, κυριώτατα ὄv, die Rede ist. Dieses κυριώτατα muß also heraus. Zwei Möglichkeiten ergeben sich: 1. Man streicht es überhaupt weg, 2. man deutet es um, so daß die Bedeutung zu dem paßt, was man als Inhalt des Kapitels von vornherein meinte. Nach dieser zweiten Möglichkeit der Umdeutung verfahren Schwegler und vor allem Jaeger. Zum ersten Weg entscheidet sich die jüngste Bearbeitung durch Ross: seclusi: an post μὲν (a 34) transponenda?11 Es besteht nicht die geringste Veranlassung zu einem so groben Eingriff in den Text, der hier völlig in der Ordnung ist. Nur stört eben die Unbequemlichkeit des κυριώτατα in Bezug auf das, was man als Inhalt des Kapitels
11 Aristoteles, Metaphysica (Ross). Oxford 1924. Vol. II.