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§ 9. Sein, Wahrheit, Anwesenheit

So zu denken, kann nur der für unaristotelisch halten, der die in 
der Tradition seit langem in Gebrauch befindlichen problemlosen 
Gemeinplätze für aristotelisch hält.
Damit ist schon angedeutet, daß die scheinbar äußerliche Frage 
der Zugehörigkeit des Kapitels zum Buch nur durch ein Eingehen 
auf das in Buch und Kapitel verhandelte Problem aufzulösen 
möglich ist, d. h. durch eine Behandlung der Frage: Welches
ist die Grundbedeutung von Sein, so zwar, daß das Wahrsein im
Zusammenhang des Wirklichseins behandelt werden kann und 
muß, ja daß sogar das Wahrseiende das eigentlichste Seiende
ausmachen soll? Bevor wir diese Frage beantworten und so positiv 
die innere und notwendige Zugehörigkeit von Θ 10 zu Θ beweisen, 
sollen kurz die Bedenken gegen die Möglichkeit eines 
Zusammenhangs von Θ 10 mit Θ besprochen werden. Die Bedenken 
hinsichtlich der wesentlichen Verschiedenheit im Thema 
kommen in der positiven Interpretation von selbst zur Erledigung. 
Zuvor erörtern wir die Argumentation, die sich gegen 
das κυριώτατα richtet.
Wenn man von vornherein für feststehend hält, es handle sich 
in dem Kapitel um das ὂν άληθές, das als logisches Problem 
nicht ins Thema gehört, dann muß man auch für unmöglich 
halten, daß hier von ὂν άληθές als dem eigentlichsten Seienden,
κυριώτατα ὄv, die Rede ist. Dieses κυριώτατα muß also heraus. 
Zwei Möglichkeiten ergeben sich: 1. Man streicht es überhaupt 
weg, 2. man deutet es um, so daß die Bedeutung zu dem 
paßt, was man als Inhalt des Kapitels von vornherein meinte. 
Nach dieser zweiten Möglichkeit der Umdeutung verfahren 
Schwegler und vor allem Jaeger. Zum ersten Weg entscheidet 
sich die jüngste Bearbeitung durch Ross: seclusi: an post μὲν 
(a 34) transponenda?11 Es besteht nicht die geringste Veranlassung
zu einem so groben Eingriff in den Text, der hier völlig in 
der Ordnung ist. Nur stört eben die Unbequemlichkeit des
κυριώτατα in Bezug auf das, was man als Inhalt des Kapitels

11 Aristoteles, Metaphysica (Ross). Oxford 1924. Vol. II.