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§ 9. Sein, Wahrheit, Anwesenheit

Kapitel als zugehörig zu dem Buch anzusehen, das die Leitfrage der antiken Metaphysik zur höchst möglichen Entfaltung bringt? Muß das Kapitel dann nicht notwendig dahin gehören? Das Kapitel ist nicht zusammenhanglos mit dem Buch und erst recht hat Aristoteles nicht dieses trotz der Zusammenhanglosigkeit dem Buch angefügt. Das eine ist unmöglicher als das andere.

Aber wie konnte man so grob und hartnäckig das eigentliche Thema des Kapitels übersehen? Die Kommentatoren und die, die ihn zitieren, haben das Kapitel doch auch gelesen und interpretiert. Gewiß, aber lesen und lesen ist ein Unterschied. Die Frage ist, ob wir mit den rechten Augen lesen, d. h. ob wir überhaupt bei uns selbst vorbereitet sind, das zu sehen, was es zu sehen gilt. D. h. ob wir der Problematik gewachsen sind oder nicht, also hier, ob wir das Seinsproblem und also das Wahrheitsproblem und ihren möglichen Zusammenhang hinreichend ursprünglich verstehen, um uns in dem Horizont zu bewegen, in dem sich die antike Philosophie des Platon und Aristoteles gleichsam von selbst aufhält. Oder ob wir uns mit abgegriffenen philosophischen Begriffen und mit den von diesen erzeugten Scheinproblemen an die philosophische Überlieferung heranwagen und mit solchem jämmerlichen Rüstzeug des Sehens darüber Verfügungen treffen wollen, was im Text zu stehen hat und was Aristoteles gedacht haben darf. So geschieht es bei Schwegler. Man weiß, das Wahrheitsproblem gehört in die Logik. Das Sein nimmt man ohnehin für selbstverständlich und fragt gar nicht danach. Wenn mm Aristoteles im Hauptbuch der Lehre vom Sein ein Kapitel bringt, daß im ersten Satz gleich von der Wahrheit handelt, dann gehört das eben nicht hierher. Ob nun solches Verfahren gröber oder feiner ausartet, ob summarisch oder ausführlich, ändert nichts an der grundsätzlichen Unmöglichkeit einer solchen Methodik.

Wo also liegt der Grundmangel in der Auffassung des in Rede stehenden Kapitels? Daß man dem antiken Verständnis des Wesens der Wahrheit ebensowenig nachgefragt hat wie dem Fundament


Martin Heidegger (GA 31) Vom Wesen der menschlichen Freiheit