d) Das griechische Verständnis der Wahrheit (ἀλήθεια)
als Entborgenheit. Das Wahrseiende (ἀληθὲς ὄv) als das
eigentlichste Seiende (κυριώχατον ὄv).
Das eigentlichste Seiende als das Einfache und beständig
Anwesende
Aristoteles stellt nun das Problem: πότ' ἔστιν ἢ οὐκ ἔστι τὸ ἀληθὲς λεγόμενον ἢ ψεῦδος23 - falls Wahrheit ist, dieser Fall als solcher wird nicht diskutiert. Wann ist und wann ist nicht das Wahrseiende ein solches, d. h. wann ist das Seiende ein solches, daß es wahr sein kann? Wie muß das Sein des Seienden sein, damit es ein wahres, entborgenes sein kann. Wann kann das Seiende eigentlich wahr sein, wann ist es eigentlich wahr als ein solches? Ich entfalte das Problem vorgreifend. Antwort: Wenn jede Möglichkeit der Unwahrheit am Seienden in jeder Hinsicht ausgeschlossen ist. Wann ist das und was heißt dabei Wahrheit? Wenn zu Sein Wahrheit gehört. Wie ist das möglich? Wenn das Wahrsein das Eigentlichste am Sein als solchem ausmacht. Sein aber ist was? Beständige Anwesenheit. Wenn also Wahrheit selbst nichts anderes besagt als höchstmögliche und eigentliche Anwesenheit, dann ist Wahrheit. Das ist eine, ja die reinste metaphysische Frage und hat mit sogenannter Erkenntnistheorie nichts zu tun. Wie kann Wahrsein zum Sein des Seienden gehören? Was ist das Wahrsein selbst, daß es zum Sein des Seienden gehören kann? Aristoteles muß unter anderem im Grunde so fragen, wenn er zeigen will, daß das Wahrsein nicht nur zum Seienden gehört, sondern das Eigentlichste am Sein des Seienden ausmacht: ἀληθὲς ὄv als κυριώτατον ὄv. Und offenbar kann wiederum nur das eigentliche Wahrsein das eigentlichste Sein des Seienden ausmachen, nicht eine beliebige Entborgenheit von beliebigem Seienden.
23 a.a.O., 1051b 5 f.