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Die Leitfrage der Philosophie und ihre Fraglichkeit

es sich zur Entborgenheit. Die Art des Seins des Seienden entscheidet über die ihm zugehörige Art seiner möglichen Entborgenheit. Diese geht mit dem Sein zusammen. Zum eigentlichen Seienden gehört dann, als solchem, das eigentliche Wahrsein.

Unsere Behauptung ist, Aristoteles stellt in Θ 10 das Problem: Wie muß das Sein des Seienden sein, damit das Seiende ein wahres, d. h. entborgenes sein kann? Was ist das Wahrsein eigentlich am Seienden? Es dürfte klar geworden sein, daß dieses Problem für die Antike und Aristoteles erst recht, nachdem einmal die Leitfrage τί τὸ ὄν erwacht war, unausweichlich wird. Es liegt auf der Hand. Zugleich aber entnehmen wir aus dem Gesagten, wie nun Aristoteles, sobald er das Problem aufnimmt, seine Behandlung ansetzen und in welcher Richtung er es entfalten muß. Denn wenn seine These lautet: Das ἀληθὲς ὄv ist das κυριώτατον ὄv, das eigentlichste Seiende, dann muß er ausgehen auf die Frage nach der Wahrheit des eigentlichen Seienden. Es ist nicht Problem eine beliebige Art von Wahrheit eines beliebigen Seienden, sondern die Wahrheit des eigentlichen Seienden, d. h. nach obigem sofort: die eigentliche Wahrheit. Hier an der eigentlichen Wahrheit des eigentlichen Seienden muß der eigentliche Zusammenhang zwischen Sein und Wahrheit sichtbar werden, d. h. es muß heraustreten, inwiefern Wahrheit überhaupt das eigentliche Sein des Seienden ausmacht.

Damit haben wir schon den Gang der Erörterungen von Θ 10 vorgezeichnet. Die thematische Behandlung des Problems beginnt 1051 b 9 und erstreckt sich bis b 33 bzw. bis 1052 a 4. Was davor steht, leitet das Problem ein. Wir haben das Wichtigste bisher gesagt: These, Fragestellung, Hinweis auf Sachwahrheit (πράγματα), diese Grund der Möglichkeit der Aussagewahrheit. Was nach a 4 erörtert wird, sind Folgerungen. Der Aufbau der thematischen Erörterung, die Komposition, die Knappheit, Schärfe und Klarheit gehört zum Erstaunlichsten, was ich von Aristoteles in dieser Tiefe der Probleme kenne.

Die Entborgenheit des Seienden regelt sich nach der Art des Seins des Seienden, τὸ δὲ ἀληθὲς ώς τὸ εἶναι. Bei der allgemeinen