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Die Ausarbeitung der Leitfrage der Metaphysik

als verstandenes steht in der Helle von beständiger Anwesenheit.

Doch wer sagt uns, daß wir mit der in der Leitfrage gelegenen, der Frage würdigen Frage: Als was wird Sein verstanden?, alles gefragt haben? Wer sagt uns, daß wir bei dieser unausgesprochenen Antwort stehenbleiben müssen? Wenn diese Antwort: Anwesenheit und Beständigkeit, nur diejenige Antwort wäre, die uns dahin bringt, noch radikaler zu fragen und fragen zu müssen? Ist denn das so selbstverständlich, daß Sein als beständige Anwesenheit verstanden wird, und müssen wir dieses Selbstverständliche einfach hinnehmen, deshalb, weil die ganze abendländische Metaphysik in dieser Selbstverständlichkeit, und dazu unbekümmert um sie als solche, beharrte? Oder dürfen und müssen wir fragen: Was geschieht denn da, wo Sein so ohnehin verstanden wird als Beständigkeit und Anwesenheit?



§11. Die Grundfrage der Philosophie als die Frage nach dem ursprünglichen Zusammenhang von Sein und Zeit


Wenn Sein in der Helle von Beständigkeit und Anwesenheit steht, welches Licht ist die Quelle dieser Helle? Was kommt in dem zum Vorschein, was wir meinen mit ›Anwesenheit‹, Beständigkeit? Anwesenheit nennen wir auch Präsenz und Gegenwart. Diese unterscheiden wir, wenn wir sie als solche fassen wollen, gegen Vergangenheit und Zukunft. Gegenwart, Anwesenheit, ist ein Charakter der Zeit. Und das ›beständig‹? Beständigkeit meint das Fortwähren, das Immerwähren in jedem Jetzt. Das Jetzt ist gleichfalls eine Zeitbestimmung. Beständige Anwesenheit besagt sonach: die ganze Gegenwart, das Jetzige, das jetzig ist, beständig in jedem Jetzt. Beständige Anwesenheit bezeichnet dann das in jedem Jetzt (jederzeit) Jetzige. In der Helle, in der das als beständige Anwesenheit verstandene Sein steht, kommt das Licht zum Vorschein, das diese Helle spendet. Es ist die Zeit selbst. Das Sein wird, sowohl im vulgären Seinsverständnis


Martin Heidegger (GA 31) Vom Wesen der menschlichen Freiheit