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§ 12. Der Mensch als Stätte der Grundfrage

les Seiende gleichmäßig Beachtung finden soll. Das Auch-Fragen ist erforderhch zur vollständigen Durchführung der Beantwortung der Leitfrage der Metaphysik und dieser überhaupt. Dagegen ist das Fragen aus dem Grunde der Grundfrage nicht erst erforderlich zur Vervollständigung der Beantwortung der Leitfrage, sondern es ist unumgänglich schon im Hinblick auf die Vorbereitung und Begründung der Fragestellung der Leitfrage als wirklicher Grundfrage. Das Fragen nach dem Sein, mithin das Fragen nach Sein und Zeit, das Fragen nach dem Wesen der Zeit, drängt unausweichlich in das Fragen nach dem Menschen . Die recht gefragte Seinsfrage als solche drängt ihrem Fragegehalt nach in die Frage nach dem Menschen. Ist dieses innere Hindrängen der Leitfrage der Philosophie auf den Menschen etwa der Vorbote des Andrängens eines Angriffes? Eines Angriffes, dem wir gar nicht beliebig ausweichen können, den wir vielmehr aushalten müssen, wenn wir die Leitfrage wirklich fragen und nicht nur mit Fragen uns beschäftigen, d. h. mit solchem, was auf ihrem Wege gerade aufgegriffen werden kann? Wenn wir die Leitfrage wirklich fragen, sind wir, in ihr selbst verbleibend, d. h. sie als Grundfrage fragend, fragend dazu gedrängt, nach dem Wesen der Zeit und damit nach dem Wesen des Menschen zu fragen . Zeit und Mensch? Gewiß! Aber Zeit und Mensch, das ist doch nicht einerlei ; der Mensch ist doch nicht bloß ›Zeit‹, daneben bestehen noch viele andere ›menschliche Eigenschaften‹. Mithin ist dieses zwar ein unumgängliches Fragen nach dem Menschen, aber doch sehr einseitig: Nach dem Menschen ist nur gefragt, soweit Zeit mit ihm im Zusammenhang steht. Und vor allem hat das Problem der Zeit selbst doch nichts mit dem Menschen zu tun, sondern nur, wie man sagt, das ›Erlebnis‹ der Zeit. Die Frage nach dem ›Zeiterlebnis‹ ist eine psychologisch-anthropologische Frage, aber nicht die Frage nach dem Wesen der Zeit als solcher.

Allein, wir vergessen bei allem: Wir fragen ja nicht so aufs Geratewohl nach der Zeit oder gar nach dem Zeiterlebnis, sondern wir müssen nach der Zeit fragen, weil und sofern das Sein


Martin Heidegger (GA 31) Vom Wesen der menschlichen Freiheit