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Auftrag der »Phänomenologie«

c) Bedingungen der Auseinandersetzung mit Hegel


Die Phänomenologie bewegt sich ihrer Absicht und ihrem inneren Auftrag nach von Anfang an im Element des absoluten Wissens, und nur deshalb kann sie es wagen, dieses Element zu »bereiten«.

Aber muß man dann nicht sagen, daß Hegel schon im Anfang seines Werkes voraussetzt, d. h. vorwegnimmt,'was er erst am Ende gewonnen haben will? Allerdings, das muß man sagen, ja — jeder, der überhaupt etwas von diesem Werk begreifen will, muß sich das immer wieder sagen. Es zeugt vollends von wenig Verständnis des Werkes, wenn man versucht, diese »Tatsache« — wie wir sie einmal nennen wollen — abzuschwächen. Man muß sich immer wieder sagen: Hegel setzt schon am Anfang das voraus, was er am Ende gewinnt. Aber man darf das nicht als Einwand gegen das Werk sagen und vorbringen. Man darf diesen Einwand nicht deshalb nicht vorbringen, weil er Hegel nicht trifft, sondern weil er überhaupt an der Philosophie vorbeispricht. Denn es gehört zum Wesen der Philosophie, daß sie, wo immer sie aus ihren Grundfragen und für diese zum Werke geht und zum Werke kommt, gerade das schon vorwegnimmt, was sie dann sagt. Allein, das ist hier keine Erschleichung des Beweises und nicht nur ein Scheinverfahren, weil es gar nicht darum geht, etwas im landläufigen Sinne zu beweisen unter Befolgung einer formalen Beweisregel einer Logik, die nicht die der Philosophie selbst ist.

Damit stehen" wir erneut bei solchem, was der Sophistik unzugänglich bleibt, bei einer Wahrheit, die der Sophistik nie anbewiesen werden kann und soll. Dazu wäre gefordert, daß sie sich mit der Philosophie einließe, d.h.sich selbst aufgäbe, wodurch jenes Beweisen von selbst überflüssig würde.

Aber was heißt das: sich mit der Philosophie einlassen? Dieses, daß man sich mit ihr in ihrem Wesentlichen treffe,


Martin Heidegger (GA 32) Hegels Phänomenologie Geistes

GA 32