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Absoluter Anfang der »Phänomenologie«

Aus diesem Geiste und in diesem Geiste läßt Hegel die »Phänomenologie des Geistes« geschehen. Es geht um das Problem der Unendlichkeit. Wie aber soll die Un-endlichkeit radikaler Problem werden als so, daß die Endlichkeit Problem wird, und d. h. zugleich das Nicht und das Nichtige, in dem das Nicht-Endliche, wenn schon, zur Wahrheit kommen soll. Die Problematik, der Endlichkeit ist es freilich, mit der wir versuchen, uns mit Hegel zu treffen in der Verpflichtung zu den ersten und letzten sachlichen Notwendigkeiten der Philosophie; das heißt nach früher Gesagtem: Wir suchen durch eine Auseinandersetzung mit seiner Problematik der Unendlichkeit aus unserem Fragen nach der Endlichkeit dieVerwandtschaft zu schaffen, die notwendig ist, um den Geist seiner Philosophie zu enthüllen. Unendlichkeit und Endlichkeit aber sind dabei nicht zwei verschieden große Hölzer, die wir aneinander reiben oder mit denen man so um sich werfen könnte in einer leeren Wortakrobatik, sondern Unendlichkeit und Endlichkeit sagen nur etwas, sofern sie ihre Bedeutung schöpfen aus der Leit- und Grundfrage der Philosophie, der Frage nach dem Sein.

Un-endlichkeit, Endlichkeit — das sind nicht Antworten, sondern die Voraus-setzungen in dem gekennzeichneten Sinne; also die Aufgaben, die Fragen.

Aber — möchte man sagen — ist die so angesetzte Auseinandersetzung mit Hegel nicht ein überflüssiges Problem? Er hat doch gerade die Endlichkeit aus der Philosophie ausgetrieben, und zwar in dem Sinne, daß er sie aufhob, also überwand, indem er sie ins Rechtsetzte. Gewiß; nur bleibt die Frage, ob die Endlichkeit, wie sie in der Philosophie vor Hegel bestimmend war, die ursprüngliche und wirklich in der Philosophie eingesetzte Endlichkeit war, oder nur eine beiläufige und zwangsläufig mitgenommene. Es muß gefragt werden, ob nicht gerade Hegels Unendlichkeit selbst dieser beiläufigen Endlichkeit entsprang, um sie dann rückgreifend aufzuzehren.

GA 32