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§ 22. Die ενέργεια κατά κίνησιν

Vermögende sich ins Zeug legt, der Vollzug wahrhaft Ausübung ist und nur dieses. Er ist nichts anderes als Sich-insZeug-legen — ἐνέργεια; (ἔργον: das Werk oder das Zeug).

Jetzt wird auch deutlicher, wie die Wirklichkeit des δύνασθαι vom ἔχειν, vom Haben, Halten aus (vgl. ob. S. 183) zu fassen ist, nämlich als: sich in Bereitschaft, das Vermögen selbst in Bereitschaft halten. Diese Gehaltenheit ist seine wirkliche Anwesenheit. Bei dem als Beispiel genannten Töpfer, der beide Hände verloren hat, ist das Moment der Überführung, des Übergangs in gewisser Weise nicht mehr vorhanden und die Gehaltenheit nicht mehr vollständig; die Bereitschaft ist unterbrochen.

Wenn Sie dieser ganzen Aufhellung des Wesens des wirklich vorhandenen Vermögenden mit dem ständigen Blick auf das Phänomen (des Läufers unmittelbar vor dem Loslaufen) gefolgt sind, dann darf Ihnen die >Definition< die jetzt Aristoteles vom δυνατὸν εἶναι gibt, nicht mehr befremdlich sein.


1047a 24—26: ἔστι δὲ δυνατὸν τοῦτο ᾧ ἐὰν ὑπάρξῃ ἡ ἐνέργεια οὗ λέγεται ἔχειν τὴν δύναμιν, οὐθὲν ἔσται ἀδύνατον. »In Wirklichkeit vermögend aber ist dieses, dem nichts mehr unausführbar ist, sobald es sich in das Zeug legt, als wozu es das Zeug zu haben angesprochen wird.«


Wir haben hier wieder eine der unerhört gesehenen und geprägten Wesenserkenntnisse vor uns, durch Jie Aristoteles zum ersten Mal in bisher dunkle Bezirke Licht gebracht hat. An diesem knappen Satz ist jedes Wort von Bedeutung. Mit ihm ist die größte philosophische Erkenntnis der Antike ausgesprochen, eine Erkenntnis, die bis heute in der Philosophie unausgewertet und unverstanden geblieben ist.


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Es bedarf jetzt gar nicht mehr umständlicher Wiederholungen, um Ihnen nahezubringen, wie die ganze voranstehende Untersuchung auf diesen einen Satz hinarbeitet, so daß er


Martin Heidegger (GA 33) Aristoteles Metaphysik IX 1-3

Aristotle's Metaphysics θ 1-3 p. 188