EINLEITENDE BETRACHTUNGEN
§ 1. Die Fragwürdigkeit unserer »selbstverständlichen« Vormeinungen über »Wesen« und »Wahrheit«
Wir wollen handeln vom Wesen der Wahrheit.
»Wahrheit«: was ist das? Die Antwort auf die Frage »was ist das?« bringt uns zum» Wesen« einer Sache. »Tisch«: was ist das? »Berg«, »Meer«, »Pflanze«: jeweils fragend »was ist das?« fragen wir nach dem» Wesen« der Dinge. Wir fragen -und kennen sie doch schon! Ja müssen wir sie nicht schon kennen, um dann hinterher zu fragen und gar zu antworten, was sie seien?
Denn was ist z. B. ein Tisch? Eben das, was ihn zu dem macht, was er ist; was jedem Ding, das Tisch ist, zukommt. Das, was alle miteinander gemein haben, das jedem wirklichen und allen möglichen Tischen Gemeinsame, ist das Allgemeine, das» Wesen«: das, was etwas »im allgemeinen« ist.
Dieses allen Gemeine finden wir aber doch nur, indem wir die einzelnen vergleichen und daraufhin ansehen, was ihnen als Selbiges gemeinsam zukommt. Einzelne Tische, und so einzelne Dinge jeder Art, kennen wir schon, wenn wir nach dem »Wesen« derselben fragen. Also auch bei unserer Frage »was ist Wahrheit«? (Dieses »Also« wäre, wie im folgenden zu zeigen sein wird, das Verhängnis.)
Welches ist das» Wesen« der Wahrheit? Einzelne Wahrheiten kennen wir; z. B.: 2 + 1 = '.3, die Erde dreht sich um die Sonne, auf den Herbst folgt der Winter, Anfang August 1914 begann der Weltkrieg, Kant ist ein Philosoph, auf der Straße draußen ist Lärm, dieser Hörsaal ist geheizt, hier im Saal brennt Licht und so fort. Das sind »einzelne Wahrheiten«; wir nennen sie so, weil sie »Wahres« enthalten. Und worin ist das Wahre »enthalten«? Was ist es, das dieses Wahre gleichsam