2
Einleitende Betrachtungen

»bei sich trägt«? Es sind die Aussagen, die wir eben aussprachen. Jede einzelne Aussage ist wahr, »etwas Wahres«, »eine Wahrheit«. Wir fragen nun: was ist das, Wahrheit überhaupt, im allgemeinen? Nach dem Gesagten: was macht jede dieser Aussagen zu einer wahren? Dieses: daß sie in dem, was sie sagt, übereinstimmt mit den Sachen und den Sachverhalten, worüber sie etwas sagt. Wahrsein der Aussage bedeutet also solches Übereinstimmen. Was ist also Wahrheit? Wahrheit ist Übereinstimmung. Solche Übereinstimmung besteht, weil die Aussage nach dem, worüber sie sagt, sich richtet. Wahrheit ist Richtigkeit. So ist Wahrheit die auf Richtigkeit gründende Übereinstimmung der Aussage mit der Sache.

So stoßen wir auf das Merkwürdige: wir kennen nicht nur einzelne Wahrheiten, sondern wir wissen auch schon, was Wahrheit ist. Wir kennen also schon das Wesen von Wahrheit. Ja wir kennen nicht nur zufällig und nebenbei, außer den einzelnen Wahrheiten, auch das Wesen von Wahrheit, sondern wir müssen offenbar notwendig das Wesen schon kennen; denn wie sollten wir sonst auf die Aufforderung hin, Wahrheiten zu nennen, wissen, was wir vorbringen sollen? Wir könnten das Gesagte ja nicht als eine Wahrheit beibringen und beanspruchen.

Wir kennen sonach das Wesen der Wahrheit, -was sie ist: übereinstimmung, Richtigkeit im Sinne des Sich-richtens nach ... ; wir kennen auch das, was wir mit» Wesen« einer Sache meinen: das Allgemeine, und wissen, was das Wesen als Wesen ist: die Wesenheit, -das, was das Wesen zum Wesen macht. Was fragen wir dann noch nach dem Wesen der Wahrheit und machen diese Frage zum Gegenstand einer langwierigen Folge von Vorlesungen? Zumal da die Angabe des Wesens ganz einleuchtend ist und jedermann verständlich?

»Verständlich« ist uns etwas, wenn wir es verstehen1, d. h. der Sache vor-stehen können, ihr gewachsen sind, sie übersehen


1 Vgl. unten S. 61.


Martin Heidegger (GA 34) Vom Wesen der Wahrheit