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§ 9. Wahrheit als Unverborgenheit

gung, das, was dem Verbergen entgegenhandelt, nennen wir künftig das Ent-bergen. Dieses eigentümliche Er-blicken der Idee, dieser Entwurf, ist entbergend. Das ist scheinbar zunächst nur ein anderes Wort. Dieses Erblicken als das vorbildende Sich-binden an das verstandene Sein, die rechtverstandene Befreiung, ist entbergend nicht nur beiläufig, sondern dieses InsLicht-sehen hat den Charakter des Entbergens, es ist von Hause aus nichts anderes als Entbergen. Entbergend zu sein ist die innerste Leistung der Befreiung. Sie ist die Sorge schlechthin: Frei-werden als Sich-binden an die Ideen, dem Sein die Führung überlassen. Wir sagen daher: das Frei-werden, dieses Erblicken der Ideen, dieses Im-vorhinein-verstehen des Seins und des Wesens der Dinge, ist entbergsam, d. h. es (das Entbergen) gehört zum inneren Streben dieses Sehens. Das Entbergen ist die innerste Natur des Ins-Licht-sehens.

Was wir kurz Entbergsamkeit nennen, ist das, was die oft besprochenen Phänomene, Er-blicken und Anblick (Idee), Licht und Freiheit, als das, was sich auf diese Grundleistung zusammendrängt, ursprünglich trägt und entfaltet. Wir bezeichnen so die Einheit des Erblickens, das das Erblickbare erst in gewisser Weise schafft, seinen innersten Zusammenhang. Die Unverborgenheit des Seienden geschieht in der und durch die Entbergsamkeit. Sie ist entwerfend-eröffnender Auftrag, der in die Entscheidung stellt. Das Wesen der Unverborgenheit ist die Entbergsamkeit.

Dieser Satz, als Definition, ist im höchsten Sinne dazu geeignet, vom gemeinen Menschenverstand lächerlich gemacht zu werden. Unverborgenheit ist Entbergsamkeit, entsprechend wie: Gehorchen ist Folgsamkeit, Verschwiegenheit ist Schweigsamkeit, — ein bloßes Vertauschen der Worte!

Wo und wie ist sie, diese Entbergsamkeit? Wir sehen sie als ein Geschehen, — ein Geschehnis, das »mit dem Menschen« geschieht. Eine gewagte These! Das Wesen der Wahrheit qua ἀλήθεια (Unverborgenheit) in die Entbergsamkeit, damit in den Menschen selbst verlegen, — das heißt denn doch die Wahrheit

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