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Die Idee des Guten und die Unverborgenheit

Deshalb heißt es im » Phaidros « (249 b 5):


οὐ γὰρ ἥ γε μήποτε ἰδοῦσα τὴν ἀλήθειαν εἰς τόδε ἥξει τὸ σχῆμα.


»Denn die Seele könnte nicht in diese Gestalt [nämlich die des Menschen, sein Schicksal] kommen [sie könnte nicht das Wesen des Menschen ausmachen], wenn sie nicht mitbrächte in sich den schon erfüllten Blick in die Unverborgenheit.«


Wenn die Seele nicht schon verstünde, was Sein besagt, vermöchte der Mensch als zum Seienden sich verhaltendes Seiendes, das auch zu sich selbst sich verhält, nicht zu existieren.

All diese gehäuften Bestimmungen sagen nur immer deutlicher und eindeutiger das, was die ganze Auslegung des Höhlengleichnisses uns näherbringen sollte. Die Frage nach dem Wesen der Wahrheit als Unverborgenheit ist die Frage nach der Wesensgeschichte des Menschen.

Jetzt erst können wir den Satz verstehen (den wir zunächst übersprungen haben), mit dem das VII. Buch beginnt und der die ganze Geschichte einleitet (514 a 1 f.):


Μετὰ ταῦτα δή ... ἀπείκασον τοιούτῳ πάθει τὴν ἡμετέραν φύσιν παιδείας τε πέρι καὶ ἀπαιδευσίας.


»Hernach also mache dir ein Bild [nämlich das folgende Bild des Höhlengleichnisses] von unserem menschlichen Wesen und verstehe dieses unser Wesen danach hinsichtlich seiner möglichen Gehaltenheit sowohl wie auch Haltungslosigkeit.«


Παιδεία ist nicht Bildung, sondern ἡ ἡμετέρα φύσις, das, was als unser eigenstes Sein waltet, sowohl hinsichtlich dessen, wozu es sich selbst ermächtigt, als auch dessen, woran es sich in seiner Machtlosigkeit verliert, dem es verfällt. Nicht um die παιδεία geht es, sondern παιδείας τε πέρι καὶ ἀπαιδευσίας, um das eine sowohl wie auch das andere, d. h. um die Auseinandersetzung, das Zwischen-beiden, daraus sie je entspringen, um gegeneinander sich durchzusetzen. παιδεία ist die Gehaltenheit des Menschen, entspringend aus der »Haltung« des sich durchsetzenden


Martin Heidegger (GA 34) Vom Wesen der Wahrheit