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§ 4. Sein und Zeit

handelt vom Seienden im Ganzen 2.) Er versteht das Seiende überhaupt nicht in erster Linie als Entwicklung als ursachemäßiges Hervorgehen und Verfallen, sondern als Her-kunft und Schwund; wie wir sagten: Erscheinen. Wenn Anaximander von der Zeit spricht, dann gewiß in der Hinsicht, daß sie mit diesem Erscheinen zusammenhängt. Aber was heißt dann hier Zeit und τάχις der Zeit? Man hat sich diese Frage überhaupt noch nie gestellt, weil eben dieser Satz des Anaximander so einleuchtend klingt —für die Gedankenlosigkeit nämlich. Es ist da ja, wird man anführen, von γένεσις und φθορά die Rede, Entstehen und Vergehen, und eben mit Bezug darauf von Zeit; nun — die Dinge entstehen und vergehen in der Zeit. Die Zeit, das ist ja gerade das Vergängliche; das Zeitliche im Unterschied zum Ewigen. Was ist naheliegender, als daß Anaximander, wenn er von γένεσις und φθορά, Entstehen und Vergehen, spricht, auch an die Zeit denken muß. Aber γένεσις heißt nicht »Entstehen« und φθορά nicht »Vergehen«, sondern Ankommen, Erscheinen und Verschwinden, aus dem Erscheinen sich zurückziehen. Und Zeit ist vielleicht dann auch nicht das abrollende Band, an dem jedes Ding mit seiner Stelle festgehaftet ist, so daß die Zeit eben den Rahmen der Ordnung des Nacheinander lieferte.

Um dergleichen handelt es sich doch gar nicht in dem Ausspruch, sondern um das Seiende im Ganzen und darum, daß sich die Seienden Fug und Entspruch gewähren rücksichtlich des Unfugs. Damit wird die Zeit in Zusammenhang gebracht — die Zeit und der Un-fug. Aber wir wissen ja noch nicht, was das überhaupt bedeutet: der Un-fug des Seienden im Ganzen. Und so werden wir nur schwer ausmachen können, was hier Zeit bedeutet und wie ihr Bezug zum Seienden im Ganzen zu fassen ist. Nur das Eine dürfte klar geworden sein: das schnell fertige Herumtragen einer heutigen Vorstellung der Zeit, die überdies höchst verworren und vor allem unbegründet ist — dieses Verfahren führt zu nichts, läßt uns ganz außerhalb des Gehaltes dieses Ausspruches stehen.


Martin Heidegger (GA 35) Der Anfang der abendländischen Philosophie