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Zwischenbetrachtung

Gesetzt, wir verstehen uns überhaupt noch als existent, als solche, die zum Seienden sich verhaltend inmitten des Seienden im Ganzen selbst Seiende »sind«, dann haben wir keine Wahl, ob wir das Sein verstehen und begreifen wollen oder nicht. Wir haben nur die Wahl, ob wir es recht begreifen oder schlecht, ob das Begriffene uns Größe gewinnt oder klein bleibt, ob die Klarheit und Härte des gewachsenen Begriffes die Stimmung unserer Existenz bestimmen soll oder irgend ein zufälliger, verworrener Taumel.


§ 17. Übergang zur ersten ausdrücklichen und zusammenhängenden Entfaltung der Seinsfrage bei Parmenides


Es galt nach der ersten unmittelbar zugreifenden Kenntnisnahme des ältesten überlieferten Zeugnisses der abendländischen Philosophie (vgl. oben S. 12), uns darauf zu besinnen, wie es mit unserem Vorhaben steht. Das ist jetzt geschehen. Dabei wurde klar: Wenn wir, wie zu Beginn gesagt wurde, den Anfang der abendländischen Philosophie aufsuchen wollen, dann heißt das: die Seinsfrage als Grund der Möglichkeit unserer Existenz wieder fragen, d. h. sie so fragen, daß wir dabei den anfänglichen Anfang mitanfangen.

Es gilt jetzt nur das eine: mit diesem durchleuchteten Wollen das Mitfragen mit der anfänglichen Frage aufzunehmen. Das sagt: wir müssen jetzt dort anfragen, wo uns zum erstenmal die ausdrückliche, zusammenhängende Entfaltung der Seinsfrage begegnet. Das geschieht nach der Überlieferung durch Parmenides aus Elea in seinem sogenannten Lehrgedicht (eine φυσιολογία δι' ἐπῶν, Suidas, Diels A 2, λόγος περὶ φύσεως). Die Chronologie ist umstritten. Am sichersten und vorsichtigsten und auch genügend, wenn wir sagen, um die Wende des 6. zum 5. Jahrhundert. Diogenes Laertius berichtet, einige, darunter Theophrast, sagten auch, Parmenides habe den Anaximander gehört (vgl. Diels A 1). -Ob