122
Das »Lehrgedicht« des Parmenides

Wir sehen sogleich, dieser dritte Weg wird ausführlich geschildert, so eindringlich, wie bisher keiner der beiden vorgenannten. Und zwar vollzieht sich die Kennzeichnung, nachdem zuvor noch einmal die erwähnte Grundaussage, der Ur-satz, eingeschärft ist (χρή!!).

Es muß kurz erläutert werden der Grundbegriff, der hier (6) auftaucht: Es muß τὸ λέγειν (vgl. u. S. 38) als »(des) Seins« verbleiben. τὸ ἐόν Participium zu εἶναι. Offenbar kein beliebiges Participium (aber (τό) (? nicht im Text) ἐόν ein neuer und eigener Schritt. Damit Participium wesentlich und ganz bestimmte Hinsicht.) Zuvor schon wahr — Homer, vgl. besonders Ilias, 1, 70. μετοχή (Dionysos Thrax49) participium; teilnemunga50 Notkers. Nämlich: 1. an πτῶσις (casus) des Nomens; 2. an χρόνος (tempus) des Verbums. Z.B. leuchtend, fliegend: 1. das Fliegende, Leuchtende (das Was im Wie) -Nennung des Genannten dieses Namens: das Leuchtende u.s.f.; 2. das Fliegend, Leuchtend (das Wie im Was) — das Leuchten am Leuchtenden. τὸ ἐόν (das als solches) das Seiend — Sein; vgl. unmittelbarer Zusammenhang. »Es muß das Sagen ... das Sein sein.«51

Dieser dritte Weg ist der, den die Menschen (πλάττοναι) (Plastik) sich zurechtmachen und zwar die εἰδότες οὐδέν — in deutlichem Gegensatz zu 1, 3 εἰδὸς φώς — von φάω — φημί? — dem wissenden Mann, singulär, der Einzelne, der weiß, worauf es ankommt, der im Wesentlichen steht (mit νοῦς und λόγος da sein!). Also nicht der Weg der Menschen überhaupt, denn auch der erste allein aussichtsreiche


49 [Dionysii Thracis Ars Grammatica; qualem exemplaria vetustissima exhibent subscriptis discrepantiis et testimoniis quae in codicibus rexentioribus scholi is erotematis apud alios scriptores interpretem aremenium repreriuntur. Edidit G. Uhlig. Lipsiae in aeditum Teubneri 1883, § 11 (23, 1); § 15 (60,2).)

50 [Von der Übersetzung des Wortes »participium« in »teilnemunga« ist die Rede in Eine Sangaller Schularbeit. In: Denkmäler deutscher Poesie und Prosa. Aus dem VIII-XII Jahrhundert. Hrsg. von Karl Viktor Müllenhoff und Wilhelm Scherer. Bd. 1. Dritte Auflage. Weidmannsche Buchhandlung: Berlin u. Zürich 1892, S. 260.)

51 [Dieser ganze Abschnitt am Rand der Manuskriptseite zu verstehen als Erläuterung des ersten Auftauchens von ἐόν in D 6, 1. Der Einleitungssatz wurde der Mitschrift von Helene Weiß entnommen.]


Martin Heidegger (GA 35) Der Anfang der abendländischen Philosophie