Denn wenn es aus ist, und der Tag erloschen,
Wohl trifts den Priester erst, doch liebend folgt
Der Tempel und das Bild ihm auch und seine Sitte
Zum dunkeln Land und keines mag noch scheinen.
Erst trifft es den Priester, nämlich die Flucht der Götter, Tempel, Bild und Sitte folgen nach. Liebend, mitwollend, an ihm sich haltend, geraten sie mit in die Verlassenheit, Verödung und Unkraft. Der Dichter sagt davon in dem Gedicht »Der Mutter Erde« (IV, 156, V. 47 ff.):
Die Tempelsäulen stehn
Verlassen in Tagen der Noth,
Wohl tönet des Nordsturms Echo
— — — tief in den Hallen,
Und der Reegen machet sie rein
Und Moos wächst und es kehren die Schwalben,
In Tagen des Frühlings, nahmlos aber ist
In ihnen der Gott, und die Schaale des Danks
Und Opfergefäss und alle Heiligtümer
Begraben dem Feind in verschwiegener Erde.
Wenn der Dichter im Gedicht »Germanien« davon spricht, daß Tempel, Bild und Sitte dem Priester folgen, so ist das nicht gemeint als einmaliger geschichtlicher Vorgang, sondern als wesensgesetzliche Abfolge der Stufen des Verfalls eines geschichtlichen Daseins als solchen in der Not derGötterlosigkeit. Der Dichter sagt hier, d. h. er sagt es stiftend, wie das Seyn geschieht, vormals und künftig. Daher müssen wir uns diese Wesensgesetzlichkeit verdeutlichen.
Sitte und Brauch ist nur, wo Tempel und Bild als das geschichtliche Dasein der Götter das alltägliche Treiben und Hausen überragen und binden. Bild und Tempel aber sind nur, wo jene großen Einzelnen sind, die wissend-schaffend die Anwesenheit und Abwesenheit der Götter unmittelbar aushalten und im geschaffenen Werk zum Austrag bringen. Diese