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§ 10. »Germanien« im Horizont des Heraklitischen Gedankens

und Kräfte, und jene, die Auflösimg, mehr durch diese empfunden werden, als umgekehrt, denn aus Nichts wird nichts, und diss gradweise genommen heisst so viel, als dass dasjenige, welches zur Negation gehet, und insofern es aus der Wirklichkeit gehet, und noch nicht ein Mögliches ist, nicht wirken könne. Aber das Mögliche, welches in die Wirklichkeit tritt, indem die Wirklichkeit sich auflöst, diss wirkt, und es bewirkt sowohl die Empfindung der Auflösung als die Erinnerung des Aufgelösten.«

(a. a. O., 510)


Wir entnehmen aus diesen Stellen das Wesen des ursprünglichen Seyns, in dem der Dichter die Flucht der alten Götter und das Heraufkommen der neuen begreift. Die Stellen bekunden, wie leidenschaftlich der Dichter bemüht ist, das Vergehen als Entstehen, das Gehen als ein Kommen in eins zu denken, denkerisch über diesen Widerstreit Herr zu werden, d. h. ihn auszuhalten und auszudenken.



c) Zum Seinsverständnis Hölderlins. Die Macht des Heraklitischen Gedankens


α) Hölderlin und Heraklit


In all dem ist jenes Verständnis des Seyns nahe und wieder mächtig, das im Anfang der abendländischen Philosophie an die Macht kam und seitdem in echten und unechten Abwandlungen insbesondere das deutsche Denken und Wissen seit Meister Eckhart beherrschte. Es ist die Seinsauffassung jenes Denkers, dem Hölderlin sich zugehörig wußte, Heraklit. Wir besitzen nur Fragmente seiner Philosophie. Mit Bezug auf das bisher Gesagte, aber auch im Hinblick auf das Folgende seien einige Sprüche des Heraklit angeführt. Auf eine Auslegung müssen wir hier verzichten. Fragment 51:

οὐ ξυνιᾶσιν ὅκως διαφερόμενον ἑωυτώι ὁμολογέει· παλίντροπος ἁρμονίη ὅκωσπερ τόξου καὶ λύρης.

Martin Heidegger (GA 39) Hölderlins Hymnen »Germanien« und »Der Rhein«