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§ 14. Der Rheinstrom als Schicksal

Furchtlos bleibt aber, so er es muss, der Mann

Einsam vor Gott, es schüzet die Einfalt ihn,

Und keiner Waffen braucht's und keiner

Listen, so lange, bis Gottes Fehl hilft.


Wieder handelt es sich um das Sagen des Dichters, der innerste Verwandtschaft hat zum Sein der Halbgötter. Das Gedicht nennt auch zu Beginn den Dionysos und hat in einer bisher nicht besprochenen Hinsicht einen wesentlichen Bezug zu »Der Rhein«.

». . . bis Gottes Fehl hilft.« Was soll das heißen? Jedenfalls ist der »Fehl« hier solches, was des Gottes ist und was sogar helfen und beistehen soll. Schon aus dieser doppelten Bestimmung ist ersichtlich, daß Fehl wieder nicht Mangel und bloße Unvollkommenheit bedeutet. Trotzdem ist der Sinn des Wortes nicht ohne weiteres klar. In einem Entwurf sagt der Dichter (IV, 332): »Und keiner Würden brauchts, und keiner Waffen, so lange der Gott nicht fehlet« und danach: »so lange der Gott uns nah bleibt«. Das ist klar, gibt aber keine Aufhellung der endgültigen Fassung, die gerade das Gegenteil zu sagen scheint. Im Entwurf wird gesagt: das Nichtfehlen, das Nahebleiben Gottes ist Bestand, jetzt soll »Gottes Fehl« helfen, v. Hellingrath will die Stelle in folgendem Sinne verstehen (IV, 331 oben): Jetzt - es ist die Zeit um 1801/1802, die Zeit unserer Dichtungen — ist dem Dichter eher geholfen, wenn das Göttliche ihn nicht allzu sehr bedrängt. Jetzt, da ihm »mehr von den Göttern ward, als er verdauen konnte« (Brief an Böhlendorff vom 4.12.1801, V, 321), »hilft« mehr das Fehlen der Götter als ihre Anwesenheit; Fehl = Abwesenheit (vgl. S. 230 f.). Ich halte diese Auslegung für unrichtig und unmöglich, und zwar aus folgenden zwei Gründen:

Erstens heißt bei Hölderlin der »Fehl« nicht soviel wie Fehlen in der Bedeutimg von abwesend sein, sondern heißt, wie die vorgenannte Stelle und die in »Der Rhein« eindeutig sagen: das Nichttreffenkönnen. Zweitens aber fällt v. Hellingraths


Martin Heidegger (GA 39) Hölderlins Hymnen »Germanien« und »Der Rhein«