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§ 15. Die Aufgabe der Vorlesung

mitzubauen und so die Erde und das Land umzuschaffen. Nicht um das Vaterländische als geeinzelten Inhalt geht es, sondern um die geschichtliche Wahrheit unseres Volkes, darum, welchen Stand es sich erobert in der großen Bedrängnis unseres Daseins, das es noch einmal mit den Göttern wagen soll, um so eine geschichtliche Welt zu schaffen.

Alle Gegenstellungen von Christentum und Heidentum und dergleichen denken hier zu kurz und vermögen das nicht einzuholen, was Hölderlin dichterisch als das Wesen der Deutschen diesen vorausgeworfen hat. Deshalb muß auch jeder Versuch, Hölderlins Dichtung im Klassizismus oder in der Romantik oder zwischen beiden unterzubringen, scheitern. Als der Dichter des Dichters ist Hölderlin der Dichter der künftigen Deutschen und als dieser einzig.

Deshalb besteht auch eine einzigartigeNotwendigkeit,diesen Dichter und seine Dichtung zur Macht unseres geschichtlichen Daseins werden zu lassen. Es handelt sich um ganz anderes, als etwa den zu wenig Bekannten bekannter zu machen, den Verkannten zu retten oder immittelbar politisch auszuwerten, lauter Dinge, die uns nach der vollzogenen Gleichschaltung der Geisteswissenschaften in den nächsten Jahren gewiß ausgiebig beschert werden.

Hölderlins Dichtung ist weder für jedermann noch für Ästheten. Hölderlin ist Künder und Rufer für die, die es angeht, die selbst in eine Berufung als Bauleute am neuen Bau der Welt gestellt sind. Diese geschichtliche Welt kann nur werden, wenn ihr zuvor die Dichtung zu einer Macht ihres Wesens wird und diese Dichtung zur Härte und Bestimmtheit des denkerisch-fragenden Wissens sich gestaltet.

Aber noch sind wir ohne Dichtung. Doch das ist die geringere Not. Die größere liegt darin, daß wir statt Dichtung stellenweise eine gepflegte Literatur besitzen, daß man gute Romane schreiben und zuweilen ein gelungenes Gedicht aufsetzen kann und sogar inhaltlich zeitgemäße. Dieses gerade ist es, was uns vom Machtbereich der Dichtung aussperrt. Wir meinen


Martin Heidegger (GA 39) Hölderlins Hymnen »Germanien« und »Der Rhein«