291
§ 24. Der metaphysische Ort der Hölderlinschen Dichtung

Himmel. Eben desswegen werden diese eher in schöner Leidenschaft, die Du Dir auch erhalten hast, als in jener homerischen Geistesgegenwart und Darstellungsgabe zu übertreffen sein.

Es klingt paradox. Aber ich behaupt' es noch einmal, und stelle es Deiner Prüfung und Deinem Gebrauche frei, das eigentlich Nationelle wird im Fortschritt der Bildung immer der geringere Vorzug werden. Desswegen sind die Griechen des heiligen Pathos weniger Meister, weil es ihnen angeboren war, hingegen sind sie vorzüglich in Darstellungsgabe, von Homer an, weil dieser ausserordentliche Mensch seelenvoll genug war, um die abendländische Junonische Nüchternheit für sein Apollonsreich zu erbeuten, und so wahrhaft das Fremde sich anzueignen. Bei uns ists umgekehrt. Desswegen ists auch so gefährlich, sich die Kunstregeln einzig und allein von griechischer Vortrefflichkeit zu abstrahiren. Ich habe lange daran laborirt und weiss mm, dass ausser dem, was bei den Griechen und uns das höchste sein muss, nemlich dem lebendigen Verhältniss und Geschik, wir nicht wohl etwas gleich mit ihnen haben dürfen. Aber das Eigene muss so gut gelernt seyn, wie das Fremde. Desswegén sind uns die Griechen unentbehrlich. Nur werden wir ihnen gerade in unserm Eigenen, Nationellen nicht nachkommen, weil, wie gesagt, der freie Gebrauch des Eigenen das schwerste ist.«


Auf eine eingehende Auslegung müssen wir hier verzichten. Aber drei Dinge können wir nicht übergehen, sie seien kurz genannt:

1. Der Wesensblick des Dichters sieht das Wesen des griechischen Daseins in seinem Wesensgegensatz zum Dasein der Deutschen. Der Dichter hat das Auge für diese Wesensbezüge, weil er das Seyn im Ganzen aus dem Grunde der Not erfährt. Zum Wesen eines geschichtlichen Daseins gehört: erstens das Betroffenwerden durch das Seyn im Ganzen, zweitens das Fassenkönnen des Seyns in der erwirkenden Darstellung des Seyenden.


Martin Heidegger (GA 39) Hölderlins Hymnen »Germanien« und »Der Rhein«