ERSTES KAPITEL


Die Grundfrage der Metaphysik


§ 1. Die dem Range nach erste, weil weiteste, tiefste
und ursprünglichste Frage: » Warum ist überhaupt Seiendes

und nicht vielmehr Nichts?«


Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts? Das 1 ist die Frage. Vermutlich ist dies keine beliebige Frage. »Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?« — das ist offensichtlich die erste aller Fragen. Die erste, freilich nicht in der Ordnung der zeitlichen Aufeinanderfolge der Fragen. Der einzelne Mensch sowohl wie die Völker fragen auf ihrem geschichtlichen Gang durch die Zeit vieles. Sie erkunden und durchsuchen und prüfen Vielerlei, bevor sie auf die Frage stoßen: »Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?« Viele stoßen überhaupt nie auf diese Frage, wenn das heißen soll, nicht nur den Fragesatz als ausgesagten hören und lesen, sondern: die Frage fragen, d. h. sie zustandbringen, sie stellen, sich in den Zustand dieses Fragens nötigen.

Und dennoch! Jeder wird einmal, vielleicht sogar dann und wann, von der verborgenen Macht dieser Frage gestreift, ohne recht zu fassen, was ihm geschieht. In einer großen Verzweiflung z. B., wo alles Gewicht aus den Dingen schwinden will und jeder Sinn sich verdunkelt, steht die Frage auf. Vielleicht nur einmal angeschlagen wie ein dumpfer Glockenschlag, der in das Dasein hereintönt und mählich wieder verklingt. In einem Jubel des Herzens ist die Frage da, weil hier alle Dinge verwandelt und wie erstmalig um uns sind, gleich als könnten wir eher fassen, daß sie nicht sind, als daß sie sind und so sind, wie sie sind. In einer Langeweile ist die Frage da, wo wir von Verzweiflung und Jubel gleichweit entfernt sind, wo aber die hart-

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