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§ 3. φύσις - das Grundwort im Anfang des Fragens

dann verzichten wir zunächst auf jeden Aufenthalt in irgendeinem der geläufigen Gebiete des Seienden. Wir gehen über das hinweg, was an der Tagesordnung ist. Wir fragen hinaus über das Geläufige und das im Alltag geordnete Ordentliche. Nietzsche sagt einmal (VII, 269): »Ein Philosoph: das ist ein Mensch, der beständig außerordentliche Dinge erlebt, sieht, hört, argwöhnt, hofft, träumt;…«

Philosophieren ist Fragen nach dem Außer-ordentlichen. Weil jedoch, wie wir erst nur andeuteten, dieses Fragen einen Rückstoß auf sich selbst erwirkt, ist nicht nur das, wonach gefragt wird, außerordentlich, sondern das Fragen selbst. Das will sagen: Dieses Fragen liegt nicht am Wege, so daß wir eines Tages unversehens und gar versehentlich in es hineingeraten. Es steht auch nicht in der gewöhnlichen Ordnung des Alltags, so daß wir auf Grund irgendwelcher Forderungen und gar Vorschriften dazu gezwungen wären. Dieses Fragen liegt auch nicht im Umkreis der dringlichen Besorgung und Befriedigung herrschender Bedürfnisse. Das Fragen selbst ist außer der Ordnung. Es ist ganz freiwillig, völlig und eigens auf den geheimnisvollen Grund der Freiheit gestellt, auf jenes, was wir den Sprung nannten. Derselbe Nietzsche sagt: »Philosophie … ist das freiwillige Leben in Eis und Hochgebirge« (XV, 2). Philosophieren, so können wir jetzt sagen, ist außer-ordentliches Fragen nach dem Außer-ordentlichen.

Im Zeitalter der ersten und maßgebenden Entfaltung der abendländischen Philosophie bei den Griechen, durch die das Fragen nach dem Seienden als solchem im Ganzen seinen wahrhaften Anfang nahm, nannte man das Seiende φύσις. Dieses griechische Grundwort für das Seiende pflegt man mit »Natur« zu übersetzen. Man gebraucht die lateinische Übersetzung natura, was eigentlich »geboren werden«, »Geburt« bedeutet. Mit dieser lateinischen Übersetzung wird aber schon der ursprüngliche Gehalt des griechischen Wortes φύσις abgedrängt, die eigentliche philosophische Nennkraft des griechischen Wortes zerstört. Das gilt nicht nur von der lateinischen Übersetzung


Martin Heidegger (GA 40) Einführung in die Metaphysik