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Die Grundfrage der Metaphysik

dieses Wortes, sondern von allen anderen Übersetzungen der griechischen Philosophensprache ins Römische. Der Vorgang dieser Übersetzung des Griechischen ins Römische ist nichts Beliebiges und Harmloses, sondern der erste Abschnitt des Verlaufs [11] der Abriegelung und Entfremdung des ursprünglichen Wesens der griechischen Philosophie. Die römische Übersetzung wurde dann maßgebend für das Christentum und das christliche Mittelalter. Dieses setzte sich über in die neuzeitliche Philosophie, die sich in der Begriffswelt des Mittelalters bewegt und dann jene geläufigen Vorstellungen und Begriffsworte schafft, mit denen man sich heute noch den Anfang der abendländischen Philosophie verständlich macht. Dieser Anfang gilt als solches, was die Heutigen als angeblich Überwundenes längst hinter sich gelassen haben.

Wir aber überspringen jetzt diesen ganzen Verlauf der Verunstaltung und des Verfalls und suchen die unzerstörte Nennkraft der Sprache und Worte wieder zu erobern; denn die Worte und die Sprache sind keine Hülsen, worin die Dinge nur für den redenden und schreibenden Verkehr verpackt werden. Im Wort, in der Sprache werden und sind erst die Dinge. Deshalb bringt uns auch der Mißbrauch der Sprache im bloßen Gerede, in den Schlagworten und Phrasen um den echten Bezug zu den Dingen. Was sagt nun das Wort φιισις? Es sagt das von sich aus Aufgehende (z. B. das Aufgehen einer Rose), das sich eröffnende Entfalten, das in solcher Entfaltung in die ErscheinungTreten und in ihr sich Halten und Verbleiben, kurz, das aufgehend-verweilende Walten. Lexikalisch bedeutet φΰειν wachsen, wachsen machen. Doch was heißt wachsen? Meint es nur das mengenmäßige Zu-nehmen, mehr und größer Werden?

Die φύσις als Aufgehen kann überall, z. B. an den Vorgängen des Himmels (Aufgang der Sonne), am Wogen des Meeres, am Wachstum der Pflanzen, am Hervorgehen von Tier und Mensch aus dem Schoß, erfahren werden. Aber φύσις, das aufgehende Walten, ist nicht gleichbedeutend mit diesen Vorgängen, die wir heute noch zur »Natur« rechnen. Dieses Aufgehen


Martin Heidegger (GA 40) Einführung in die Metaphysik