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§ 4. Die Zweideutigkeit des Vorlesungs-Titels

Φΰσις verengt sich, aus dem Gegensatz zu τέχνη — was weder Kunst noch Technik besagt, sondern ein Wissen, das wissende Verfügen über das freie Planen und Einrichten und Beherrschen von Einrichtungen (vgl. Platons Phaidros). Die τέχνη ist Erzeugen, Erbauen, als wissendes Hervor-bringen. (Das wesentlich Selbe in φύσις und τέχνη ließe sich nur in einer besonderen Betrachtung verdeutlichen.) Der Gegenbegriff zum Physischen jedoch ist das Geschichtliche, ein Bereich des Seienden, der von den Griechen gleichwohl im Sinne der ursprünglich weiter begriffenen φύσις verstanden wird. Das hat aber mit einer naturalistischen Deutung der Geschichte nicht das Geringste zu tun. Das Seiende als solches im Ganzen ist φύσις - d. h. es hat zum Wesen und Charakter das aufgehend-verweilende Walten. Solches wird dann vor allem an dem erfahren, was in gewisser Weise am unmittelbarsten sich aufdrängt und was später φΰσις im engeren Sinne bedeutet: τἁ φύσει δντα, τἁ φυσικά, das naturhaft Seiende. Wenn nach der φύσις überhaupt gefragt wird, d. h. was das Seiende als solches ist, dann gibt τἁ φύσει οντα vor allem den Anhalt, jedoch so, daß das Fragen im vorhinein nicht bei diesem oder jenem Bereich der Natur, leblosen Körpern, Pflanzen, Tieren sich aufhalten darf, sondern über τά φυσικά hinaus muß.


§ 4. Die dem Range nach erste Frage als metaphysische
Grundfrage. Einführung in die Metaphysik als
Hineinführen in das Fragen der Grundfrage.
Die bewußte Zweideutigkeit des Vorlesungs-Titels


Im Griechischen heißt »über etwas weg«, »hinüber«: μετά. Das philosophische Fragen nach dem Seienden als solchem ist μετά τά φυσικά; es fragt über das Seiende hinaus, ist Metaphysik. Die Entstehungs- und Bedeutungsgeschichte dieses Namens im einzelnen zu verfolgen, ist jetzt nicht wichtig.

Die von uns als rangmäßig erste gekennzeichnete Frage: