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Die Grundfrage der Metaphysik

§ 10. Die Entfaltung der »Vor-frage«: » Wie steht es um das Sein und um unser Verständnis des Seins?«


So ergibt sich: Die Frage: »Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?« zwingt uns zur Vor-frage: »Wie steht es um das Sein?«

Wir fragen jetzt nach solchem, was wir kaum fassen, was mehr nur ein bloßer Wortklang für uns bleibt und was die Gefahr nahelegt, daß wir bei unserem Weiterfragen einem bloßen Wortgötzen zum Opfer fallen. Um so notwendiger ist es daher, uns von vornherein darüber klar zu werden, wie es zunächst für uns mit dem Sein und mit unserem Verständnis des Seins steht. Hierbei ist vor allem von Bedeutung, immer wieder zur Erfahrung zu bringen, daß wir das Sein des Seienden nicht unmittelbar eigens zu fassen vermögen, weder am Seienden, noch im Seienden — noch überhaupt sonstwo.

Einige Beispiele sollen helfen. Drüben, auf der anderen Seite der Straße, steht das Gebäude der Oberrealschule. Etwas Seiendes. Wir können von außen nach allen Seiten das Gebäude absuchen, es innen vom Keller bis ins Dachgeschoß durchstreifen und alles feststellen, was da vorkommt: Gänge, Treppen, Schulzimmer und deren Einrichtung. Überall finden wir Seiendes und sogar in einer ganz bestimmten Zuordnung. Wo ist nun das Sein dieser Oberrealschule? Sie ist doch. Das Gebäude ist. Wenn etwas zu diesem Seienden gehört, dann ist es dessen Sein und gleichwohl finden wir dieses nicht innerhalb des Seienden.

Das Sein besteht auch nicht darin, daß wir Seiendes betrachten. Das Gebäude steht da, auch wenn wir es nicht betrachten. Wir können es nur antreffen, weil es schon ist. Außerdem scheint das Sein dieses Gebäudes durchaus nicht für jedermann das gleiche zu sein. Für uns, die Betrachter oder Vorbeifahrenden, ist es ein anderes als für die Schüler, die drinnen sitzen, nicht etwa, weil diese es nur von innen sehen, sondern weil für sie eigentlich dieses Gebäude das ist und so ist, was und wie es

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