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§10. Entfaltung der »Vorfrage«

gegenüber der Zumutung verwahren würden zu sagen, all das Seiende sei nicht.

Aber das Sein bleibt unauffindbar, fast so wie das Nichts oder am Ende ganz so. Das Wort »Sein« ist dann schließlich nur ein leeres Wort. Es meint nichts Wirkliches, Greifbares, Reales. Seine Bedeutung ist ein unwirklicher Dunst. So hat Nietzsche am Ende ganz recht, wenn er solche »höchsten Begriffe« wie Sein »den letzten Rauch der verdunstenden Realität« nennt (Götzendämmerung VIII, 78). Wer wollte einem solchen Dunst nachjagen, dessen Wortbezeichnung nur der Name für einen großen Irrtum ist! »In der That, Nichts hat bisher eine naivere Überredungskraft gehabt als der Irrthum vom Sein …« (VIII, 80).

»Sein« — ein Dunst und ein Irrtum? Was Nietzsche hier vom Sein sagt, ist keine beiläufige Bemerkung, hingeworfen im Rausch der Arbeit zur Vorbereitung seines eigentlichen, nie vollendeten Werkes. Es ist vielmehr seine leitende Auffassung vom Sein seit den frühesten Tagen seiner philosophischen Arbeit. Sie trägt und bestimmt seine Philosophie von Grund aus. Aber diese Philosophie ist auch jetzt noch gut verwahrt gegen alle täppischen und läppischen Zudringlichkeiten des heute um [28] ihn noch zahlreicher werdenden Schreibervolkes. Das Schlimmste an Mißbrauch scheint das Werk noch gar nicht hinter sich zu haben. Wenn wir hier von Nietzsche sprechen, wollen wir mit all dem nichts zu tun haben; auch nicht mit einer blinden Heroisierung. Dafür ist die Aufgabe viel zu entscheidend und nüchtern zugleich. Sie besteht darin, in dem wirklich angelegten Angriff auf Nietzsche allererst das durch ihn Erwirkte zur vollen Entfaltung zu bringen. Sein ein Dunst, ein Irrtum! Wäre dem so, dann bliebe als einzige Folgerung nur die, daß wir auch die Frage: »Warum ist das Seiende als solches im Ganzen und nicht vielmehr Nichts?« aufgäben. Denn was soll die Frage noch, wenn jenes, was sie in die Frage stellt, nur ein Dunst ist und ein Irrtum?

Spricht Nietzsche die Wahrheit? Oder ist er selbst nur ein