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Die Grundfrage der Metaphysik

aus der Mitte ihres künftigen Geschehens hinausstellt in den ursprünglichen Bereich der Mächte des Seins. Gerade wenn die große Entscheidung über Europa nicht auf dem Wege der Vernichtung fallen soll, dann kann sie nur fallen durch die Entfaltung neuer geschichtlich geistiger Kräfte aus der Mitte.

Fragen: Wie steht es um das Sein? - das besagt nichts Geringeres als den Anfang unseres geschichtlich-geistigen Daseins ivieder-holen, um ihn in den anderen Anfang zu verwandeln. Solches ist möglich. Es ist sogar die maßgebende Form der Geschichte, weil es im Grundgeschehnis ansetzt. Ein Anfang wird aber nicht wiederholt, indem man sich auf ihn als ein Vormaliges und nunmehr Bekanntes und lediglich Nachzumachendes [30] zurückschraubt, sondern indem der Anfang ursprünglicher wiederangefangen wird, und zwar mit all dem Befremdlichen, Dunklen, Ungesicherten, das ein wahrhafter Anfang bei sich führt. Wiederholung, wie wir sie verstehen, ist alles andere, nur nicht die verbessernde Weiterführung des Bisherigen mit den Mitteln des Bisherigen.


§ 12. Klärung der Tatsache: Sein ein Wortdunst!
Das Fragen nach dem Sein und die » Ontologie «


Die Frage: Wie steht es um das Sein? ist in unsere Leitfrage: »Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?« als Vor-frage eingeschlossen. Wenn wir uns jetzt aufmachen, dem nachzugehen, was in der Vor-frage in Frage steht, nämlich dem Sein, dann erweist sich Nietzsches Ausspruch sogleich doch in seiner vollen Wahrheit. Denn was ist uns, wenn wir recht zusehen, »das Sein« mehr als ein bloßer Wortlaut, eine unbestimmte Bedeutung, ungreifbar wie ein Dunst? Allerdings meint Nietzsche sein Urteil im rein wegwerfenden Sinn. »Sein« ist für ihn eine Täuschung, die nie hätte kommen sollen. »Sein« unbestimmt, verschwebend wie ein Dunst? Es ist in der Tat so. Doch wir wollen dieser Tatsache nicht ausweichen. Im Gegenteil,


Martin Heidegger (GA 40) Einführung in die Metaphysik