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§ 12. Sein als »Tatsache«?

wir müssen versuchen, über ihre Tatsächlichkeit ins klare zu kommen, um ihre ganze Tragweite zu übersehen.

Wir treten durch unser Fragen in eine Landschaft, innerhalb derer zu sein, die Grundvoraussetzung ist, um dem geschichtlichen Dasein eine Bodenständigkeit zurückzugewinnen. Wir werden fragen müssen, warum diese Tatsache, daß uns »das Sein« ein Wortdunst bleibt, gerade heute ansteht, ob und weshalb sie seit langem besteht. Wir sollen wissen lernen, daß diese Tatsache nicht so harmlos ist, wie sie sich bei der ersten Feststellung ausnimmt. Denn am Ende liegt es nicht an dem, daß uns das Wort »Sein« nur ein Klang und seine Bedeutung nur ein Dunst bleibt, sondern daß wir aus dem, was dieses Wort spricht, herausgefallen sind und vorerst nicht wieder zurückfinden; daß deshalb und aus keinem anderen Grunde das Wort »Sein« auf nichts mehr trifft, daß sich alles, wenn wir gar zufassen wollen, wie ein Wolkenfetzen in der Sonne auflöst. Weil es so ist, deshalb fragen wir nach dem Sein. Und wir fragen, weil wir wissen, daß einem Volk die Wahrheiten noch nie in den Schoß gefallen sind. Die Tatsache, daß man diese Frage auch jetzt noch nicht verstehen kann und nicht verstehen will, wenn sie noch ursprünglicher gefragt wird, nimmt dieser Frage nichts von ihrer Unumgänglichkeit.

Man kann freilich, scheinbar sehr scharfsinnig und überlegen, die längstbekannte Überlegung wieder ins Feld führen: »Sein« ist doch der allgemeinste Begriff. Sein Geltungsbereich erstreckt sich auf alles und jedes, sogar auf das Nichts, das als Gedachtes und Gesagtes auch etwas »ist«. Also gibt es über den Geltungsbereich dieses allgemeinsten Begriffes »Sein« hinaus [31] im strengen Sinne des Wortes nichts mehr, von wo aus dieses selbst noch weiter bestimmt werden könnte. Man muß sich mit dieser höchsten Allgemeinheit abfinden. Der Begriff des Seins ist ein Letztes. Und es entspricht auch einem Gesetz der Logik, das sagt: Je umfassender ein Begriff seinem Umfang nach ist, und was wäre umfassender als der Begriff »Sein«? — desto unbestimmter und leerer ist sein Inhalt.


Martin Heidegger (GA 40) Einführung in die Metaphysik