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Die Grundfrage der Metaphysik

oder birgt das mit dem Wort »Sein« Genannte das geistige Schicksal des Abendlandes?

Die Frage mag für viele Ohren gewaltsam klingen und übertrieben; denn zur Not ließe sich zwar vorstellen, daß die Erörterung der Seinsfrage in ganz weiter Ferne und auf eine sehr mittelbare Weise schließlich auch eine Beziehung zur geschichtlichen Entscheidungsfrage der Erde haben dürfte; aber doch keinesfalls in der Weise, daß von der Geschichte des Geistes der Erde her Grundstellung und Haltung unseres Fragens unmittelbar bestimmt werden könnten. Und dennoch, dieser Zusammenhang besteht. Da unser Absehen darauf zielt, das Fragen der Vor-frage in Gang zu bringen, gilt es jetzt zu zeigen, daß und inwiefern das Fragen dieser Frage unmittelbar und von Grund aus sich in der geschichtlichen Entscheidungsfrage mitbewegt. Für diesen Nachweis ist es nötig, eine wesentliche Einsicht zunächst in der Form einer Behauptung vorauszunehmen.

[33] Wir behaupten: Das Fragen dieser Vor-frage und damit das Fragen der Grundfrage der Metaphysik ist ein durch und durch geschichtliches Fragen.


§ 14. Philosophie und »Geschichtswissenschaft«


Aber wird damit die Metaphysik und die Philosophie überhaupt nicht zu einer Geschichtswissenschaft? Die Geschichtswissenschaft erforscht doch das Zeitliche, die Philosophie hingegen das Uberzeitliche. Philosophie ist nur insofern geschichtlich, als sie wie jedes Werk des Geistes im Ablauf der Zeit sich verwirklicht. In diesem Sinne kann aber die Kennzeichnung des metaphysischen Fragens als eines geschichtlichen die Metaphysik nicht auszeichnen, sondern nur etwas Selbstverständliches anführen. Demnach ist die Behauptung entweder nichtssagend und überflüssig oder aber unmöglich, weil eine Vermischung grundverschiedener Arten von Wissenschaften: Philosophie und Geschichtswissenschaft.