ZWEITES KAPITEL


Zur Grammatik und Etymologie des Wortes »Sein« [40]


Wenn das Sein uns nur noch ein leeres Wort und eine verschwebende Bedeutung ist, dann müssen wir erst einmal versuchen, zum mindesten noch diesen verbliebenen Rest eines Bezugs ganz zu fassen. Wir fragen daher zunächst:

1. Was ist das überhaupt für ein Wort: »das Sein« — seiner Wortform nach?

2. Was sagt uns das Wissen von der Sprache über die ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes?

Um es gelehrt auszudrücken: Wir fragen 1. nach der Grammatik und 2. nach der Etymologie des Wortes »Sein«.1


§17. Die Aufhellung des Wesens des Seins
hinsichtlich seiner wesensmäßigen Verschlungenheit
mit dem Wesen der Sprache


Die Grammatik der Wörter befaßt sich nicht nur und nicht in erster Linie mit ihrer buchstäblichen und lautlichen Gestalt. Sie nimmt die hier auftretenden Formelemente als Hinweise auf bestimmte Richtungen und Richtungsunterschiede des möglichen Bedeutens der Worte und der damit vorgezeichneten möglichen Einfügung in einen Satz, in ein weiteres Redegefüge. Die Wörter: er geht, wir gingen, sie sind gegangen, geh!, gehend, gehen — sind Abwandlungen desselben Wortes nach bestimmten Bedeutungsrichtungen. Wir kennen sie aus den


1 Zu diesem Abschnitt vgl. jetzt: Ernst Fraenkel, Das Sein und seine Modalitäten, erschienen in »Lexis« (Studien zur Sprachphilosophie, Sprachgeschichte und Begriffsforschung) herausgeg. v. Johannes Lohmann Bd. II (1949) S. 149 ff.