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Grammatik und Etymologie von »Sein«

drei genannten gehören das Verbum und Substantivum zu denjenigen, die bei der Entstehung der abendländischen Grammatik zuerst erkannt wurden, die aber auch heute noch als die Grundformen der Worte und der Sprache überhaupt gelten. Daher geraten wir mit der Frage nach dem Wesen des Substantivum und des Verbum mitten hinein in die Frage nach dem Wesen der Sprache. Denn die Frage, ob die Urform des Wortes das Nomen (Substantivum) sei oder das Verbum, deckt sich mit der Frage, welches überhaupt der ursprüngliche Charakter des Sagens und Sprechens sei. Diese Frage enthält zugleich jene nach dem Ursprung der Sprache. Hierauf können wir fürs erste nicht unmittelbar eingehen. Wir müssen einen Notweg einschlagen. Wir beschränken uns zunächst auf diejenige grammatische Form, die bei der Ausbildung des Verbalsubstantivs den Übergang bildet, auf den Infinitiv (gehen, kommen, fallen, singen, hoffen, sein u. s. f.).


§ 19. Der Infinitiv


a) Der Ursprung der abendländischen Grammatik aus der
griechischen Besinnung auf die griechische Sprache :
ὄνομα und ῥῆμα


Was heißt Infinitiv? Der Titel ist die Abkürzung des vollständigen: modus infinitivus, die Weise der Unbegrenztheit, Unbestimmtheit, nämlich in der Art, wie ein Verbum überhaupt seine Bedeutungsleistung und -richtung ausübt und anzeigt.

Dieser lateinische Titel stammt gleich allen anderen aus der Arbeit der griechischen Grammatiker. Auch hier stoßen wir wieder auf den gelegentlich der Erörterung des Wortes φύσις erwähnten Vorgang der Übersetzung. Auf das Einzelne der Entstehung der Grammatik bei den Griechen, der Übernahme durch die Römer, der Weitergabe an das Mittelalter und die Neuzeit ist hier nicht einzugehen. Wir kennen hinsichtlich dieser